WDR3 Forum - Talentförderung von Geflüchteten im Kulturleben von NRW

Mit der Einwanderung der letzten Jahre kamen Künstler*innen aller Kultursparten nach Nordrhein-Westfalen. Aus ihren Herkunftsländern brachten sie unterschiedliche Erfahrungen, Kenntnisse und Qualifikationen mit. Künstlerisch Fuß zu fassen fällt schwer, wenn die Strukturen und Möglichkeiten der Aufnahmegesellschaft nicht bekannt sind. Im Kleinen Sendesaal des WDR Funkhauses in Köln fragten WDR3 und der Kulturrat NRW, wie Talentförderung funktionieren kann.

Miltiadis Oulios sprach mit geflüchteten Künstlern darüber, wie verschiedene Förderinstitutionen in Nordrhein-Westfalten die jeweiligen künstlerischen Aktivitäten unterstützen und welche Chancen und Möglichkeiten sich daraus ergeben können.
Basel Al Ali hatte in Aleppo das Studium der Mathematik begonnen und inzwischen in Düsseldorf das Studium der Informatik abgeschlossen. In Syrien hatte er nur wenige Berührungspunkte zur Kulturarbeit. In Düsseldorf begann er in Zusammenarbeit mit dem Soziokulturellen Zentrum zakk Veranstaltungen zu organisieren, bei denen sich neu angekommene Musiker*innen präsentieren konnten und gründete gemeinsam mit kulturengagierten Syrer*innen das Kollektiv Schu Fi Ma Fi. Seit 2018 fördert die LAG Soziokultureller Zentren NRW Veranstaltungsreihen und Workshops der Gruppe und unterstützt bei der Antragsstellung und Realisierung der Projektideen.

Ayham Nabuti absolvierte in Damaskus eine Ausbildung im Bereich klassischer Gitarre und hatte dort bis vor seiner Flucht als Gitarrenlehrer gearbeitet. Seit 2015 lebt er in Bonn und ist unter anderem Mitglied beim Bonner Kültürklüngel Orkestar und Gründer Band Golden Kebap. Er besuchte zahlreiche Workshops im Musikbereich beim House of Resources (Bonn) und der Landesmusikakademie NRW (Heek). Zudem schloss er den Zertifikatslehrgang für Musiker*innen verschiedener Kulturen ab, den die Landesmusikakademie NRW in Kooperation mit Musikhochschule Köln durchführt. Durch den Lehrgang bekam er Einblicke in die nordrhein-westfälische Musikschullandschaft, Zugang zu Musiker*innennetzwerken und Unterstützung beim Schreiben von Bewerbungen. Für den Musiker aus Damaskus hat „[d]ie Fortbildung […] viele Türen geöffnet.“ Inzwischen hat er hat sich auf interkulturelle Workshops für Kinder im Bonner Raum spezialisiert.

Emil Hosh ist Bandleiter der Rockband Roaches und studierte in Tartus Englische Literatur. In Syrien begann er mit sieben Jahren mit Klavierunterricht und wechselte später zur klassischen Gitarre. Nach vier Jahren intensivem Unterricht in klassischer Gitarre wechselte er zu E-Gitarre und musste den Unterricht beenden, da sein Lehrer die E-Gitarre ablehnte. Er lebt seit 2015 in Düsseldorf. Die Roaches haben Anfang des Jahres eine erste EP veröffentlicht. Der Bandworkshop wird seit 2018 vom Landesmusikrat NRW gefördert. In Syrien war die Toleranz gegenüber Metal Rock, langen Haaren und Piercing gering und Bandarbeit war fast nur im Untergrund möglich. In der Rockmusik fand er den Freiraum, der es ihm ermöglichte die schwierige Situation in Syrien zu ertragen. Nach seiner Flucht vor dem Krieg fühlte er sich in der Anfangszeit in Deutschland nicht mehr als Musiker und konnte längere Zeit keine Gitarre spielen. Die Fördermöglichkeiten des Landesmusikrats motivierte ihn das Gitarrenspiel wieder aufzunehmen. Eine Sozialarbeiterin der Diakonie sowie die Referentin des Landesmusikrats Sandra Hoch ermunterten ihn zur Bildung einer Band und begleiteten das Projekt tatkräftig. Neben der finanziellen Unterstützung stand der Landesmusikrat mit Rat zur Seite hinsichtlich vielfältiger bandrelevanter Themen wie Proberaum, Gewinnung geeigneter Bandmitglieder, Auftrittsmöglichkeiten usw. Manchmal wollte er das Projekt aufgeben, doch jeder Auftritt führte die Roaches weiter. In Nordrhein-Westfalen schätzt er die Toleranz und fühlt sich als Musiker und Mensch akzeptiert. Inzwischen haben die Roaches weit über 20 Konzerte gespielt, erfolgreich an Bandwettbewerben teilgenommen und im Düsseldorfer und Kölner Raum einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt.

Der Archäologe und Autor Jabbar Abdullah studierte in Aleppo und Ägypten. Seit 2015 lebt er in Köln und arbeitet im Römisch-Germanischen Museum. Als aktive Stimme der syrischen Zivilgesellschaft organisiert und gestaltet er verschiedene Veranstaltungen zu syrischer Literatur und Kunst sowie Ausstellungen in Deutschland. Er ist 2. Vorsitzender des Vereines der Förderer und des Austauschs deutscher und syrischer Kultur und möchte syrischen Künstler*innen einen Raum zur Darstellung ihrer Auseinandersetzung mit Diktatur, Revolution, Krieg, Flucht und Ankommen in einer neuen Gesellschaft gegeben und den interkulturellen Austausch anregen. Die ersten Fördergelder erhielt Abdullah vom Erzbistum Köln, dann vom Kulturamt Köln und vom NRW Kultursekretariat. Für das NRW Landesbüro Freie Darstellende Künste war er in verschiedenen Projekten als interkultureller Guide tätig. Ein System öffentlicher Kulturförderung war ihm weder aus Syrien noch aus Ägypten bekannt. Inzwischen hat er es sich angeeignet und achtet im Rahmen seiner Projekte vor allem auf Professionalität, Ernsthaftigkeit und hohe künstlerische Qualität.

Rony Haji Raschid lebt seit 2015 in Herten und absolviert aktuell eine Ausbildung als Elektroniker für Automatisierungstechnik. Parallel erhält er seit 2016 Ba?lamaunterricht an der Musikschule Herten und ist in mehreren Ensembles musikalisch aktiv. In Syrien hatte er kein Instrument erlernt. Im Rahmen des Förderprogramms des Landesverbands der Musikschulen in NRW ermöglicht das Programm „Heimat Musik“ Unterricht und Ensemblearbeit in ganz NRW.

„Wie schaffen Sie es, hier Musik zu machen, während in Syrien Menschen sterben?“, fragte Oulios die Diskutanten zum Ende der Gesprächs. „Das Leben muss weitergehen“, meinte Emil Hosh, „und wir wollen uns nicht isolieren.“ Basel Al Ali präsentiert gerade deshalb syrische Kultur und schafft Orte des Austauschs. Kann Musik Wunden heilen? „Sie kann die Wunden zeigen und das hilft schon“, so Hosh. Rony Haji Raschid möchte musikalische Geschichten erzählen, die das Geschehene verarbeiten. Ayham Nabuti lernt durch seine Musik und die Reaktionen darauf, wie die Menschen in diesem Land denken. Jabbar Abdullah betonte, dass die erste Phase der Unterdrückung durch das syrische Regime schon eine Vernichtung für viele Künstler*innen bedeutete, ohne dass sich die Welt dafür interessiert habe. Er will auch diese Phase schon vor des Erscheinens des „IS“ durch seine Ausstellungen in Erinnerung rufen.

Ein Mitschnitt des Gesprächs wird zeitnah gesendet (Informationen dazu unter: https://www1.wdr.de/mediathek/audio/wdr3/wdr3-forum/index.html).

(Robert von Zahn, Sandra Hoch)

Foto: von links nach rechts: Miltiadis Oulios, Rony Haji Raschid, Ayham Nabuti, Emil Hosh, Basel Al Ali, Jabbar Abdullah (Landesmusikrat NRW)

 

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