Auf einem Panel der c/o pop diskutiert das Popboard NRW am 17. April die Frage, was der Musikstandort Nordrhein-Westfalen braucht, und richtet einen Forderungskatalog an die Politik auf Landes-, Bundes- und kommunaler Ebene. Als zentrale Adressaten sitzen mit Frank Jablonski MdL (Die Grünen) und Florian Braun MdL (CDU) zwei Kulturpolitiker auf dem Podium.
Christina Bergs vom Projekt Create Music NRW beim Landesmusikrat NRW schildert per Video, dass ihr Programm nur ein Viertel der Förderanträge bewilligt, obwohl die Förderbeträge niedrig ausfallen. Anna-Kathrin Dietrich, Geschäftsführerin des Popboards NRW, bestätigt diese Entwicklung und verweist darauf, dass sich ähnliche Engpässe durch die gesamte Popförderlandschaft ziehen. Sie beschreibt das Popboard als Zusammenschluss von neun Einrichtungen und Verbänden, darunter der Landesmusikrat NRW, und formuliert eine Kernforderung: Die Popförderung soll fest im Landeshaushalt verankert werden. Sie stellt den Landeskulturhaushalt von rund 310 Millionen Euro der Tatsache gegenüber, dass die Popmusik insgesamt nicht einmal eine Million Euro erhält.
Jablonski ordnet diese Zahlen ein und merkt an, dass diese 310 Millionen Euro nur etwa einem Drittel der Kosten der Kölner Oper entsprechen. Er verweist zugleich auf neue Initiativen wie die Kulturschecks, mit denen die Kulturministerin 1.000 Projekte mit jeweils 500 Euro möglichst unbürokratisch fördern will. Das Programm soll im Juli in allen Kultursparten, die im ländlichen Raum präsentieren, starten. Er betont, dass es trotz multipler Krisen gelungen ist, den Kulturhaushalt stabil zu halten und sogar leicht zu erhöhen.
Braun hebt hervor, dass das Land die Arbeit des Popboards bewusst unterstützt und dafür jährlich mehr als eine halbe Million Euro bereitstellt. Er räumt ein, dass mehr Geld wünschenswert wäre, doch man könne Musikerinnen und Musiker nicht auskömmlich finanzieren. Er verweist auf die engen finanziellen Spielräume und beschreibt die Verteilung von Mitteln als zentralen Kern politischer Arbeit. Carsten Schumacher von Create Music NRW meldet sich später aus dem Publikum zu Wort und stößt sich an dem Wort auskömmlich. Sein Projekt fördert nur das Kreative bei Bands und Künstlern – bis zu 500 Euro bei Künstlern und 5.000 Euro bei Projekten maximal. Das ist weit wenig von auskömmlich. Vielleicht müsse man über Umverteilung nachdenken. Hendrik Stratmann von der LAG Soziokultur NRW stimmt ihm zu. Zwischen der Situation jetzt und einer auskömmlichen Finanzierung ist sehr viel Raum. Pop trägt Gedanken der Demokratie in die Städte und auf das Land.
Beide Politiker erkennen an, dass eine Förderquote von nur 25 Prozent zu niedrig ausfällt, auch wenn Wettbewerb grundsätzlich sinnvoll bleibt, weil es nicht um eine vollständige Finanzierung, sondern um den Einstieg und die Entwicklung von Künstlern geht. Anna-Kathrin Dietrich widerspricht der Vorstellung, dass Wettbewerb als Steuerungsinstrument ausreicht, und verweist auf den ohnehin permanenten Konkurrenzdruck, dem Künstler ausgesetzt sind. Sie beschreibt die wachsende Frustration in der Szene angesichts der geringen Förderanteile. Jablonski hält dagegen, dass Popmusik mittlerweile im Koalitionsvertrag verankert ist und für ihn gleichrangig neben der Hochkultur steht. Er sieht sie als bedeutenden Wirtschaftsfaktor und erkennt die Vielfalt der Szene in Nordrhein-Westfalen an, bewertet sie jedoch nicht als den Bereich mit den größten strukturellen Problemen.
Braun betont die gesellschaftliche Bedeutung von Vielfalt und sieht in ihr sowohl einen kulturellen Wert als auch einen Bildungsauftrag. Kultur soll für ihn nicht als abgeschlossener Kosmos existieren, sondern als Teil des Alltags wirken. Gleichzeitig beobachtet Jablonski, dass Diversität in den letzten Jahren in manchen anderen Bundesländern an politischer Priorität verloren hat, während Nordrhein-Westfalen weiterhin Programme wie Honoraruntergrenzen und den Diversitätsfonds aufrechterhält.
Anna-Kathrin Dietrich nimmt den Ball auf: Andere Bundesländer investieren deutlich mehr Mittel in die Popförderung. Das Musicboard Berlin erhält 2,7 Mill. Euro vom Senat, Rheinland-Pfalz finanziert Pop RP mit einem Betrag, der der NRW-Förderung für das Popboard gleicht. Doch Rheinland-Pfalz hat 4 Mill. Einwohner und NRW 18 Mill. Sie beschreibt das Popökosystem in NRW als außergewöhnlich dicht, da ein Viertel der Clubs Deutschlands hier liegt und sich zahlreiche Festivals im Land konzentrieren. Braun erkennt diese Stärke an, hebt aber hervor, dass Kommunen in NRW bereits erhebliche Leistungen erbringen und dass Vergleiche mit Berlin allein nicht ausreichen. Beide Politiker benötigen überzeugende Argumente für Haushaltsverhandlungen, die über reine Vergleichszahlen hinausgehen.
Das Popboard fordert zudem eine stärkere Kleinstförderung für Konzerte. Jablonski sieht Kulturschaffende grundsätzlich als wirtschaftlich gefährdet und verweist erneut auf das neue Programm Kulturschecks als niedrigschwellige Unterstützung, zunächst für den ländlichen Raum. Gleichzeitig erkennt er das Problem wegfallender Spielstätten, das er vor allem auf kommunaler Ebene verortet. Braun betont, dass das Land unbürokratisch unterstützen will, sieht jedoch klare Grenzen politischer Eingriffsmöglichkeiten und fordert auch wirtschaftliche Eigenverantwortung der Künstler. Es ist eine Lehre aus der Pandemie, wie verwundbar die Kulturbranche ist. Die Initiative zur Förderrichtlinie Honoraruntergrenzen bei öffentlich geförderten Projekten in NRW und die Bundesratsinitiative NRWs zur Einkommensausfallversicherung für Künstlerinnen und Künstler sind aus dieser Lehre erwachsen.
Anna-Kathrin Dietrich hebt hervor, dass nicht nur Nachwuchs, sondern Künstler aller Generationen Auftrittsmöglichkeiten benötigen und dass diese zunehmend fehlen. Sophia Legge von der Klubkomm schildert per Video die Konflikte zwischen einzelnen Anwohnerinteressen und Clubkultur am Beispiel von Ehrenfeld in Köln. Sie bewertet die dortige Kulturraumschutzzone als ersten Schritt, fordert jedoch weitergehende Anpassungen der Baunutzungsverordnung und der Lärmschutzregeln. Das Popboard leitet daraus die Forderung nach einem landesweiten Kulturraumschutzkonzept ab.
Anna-Kathrin Dietrich sieht zugleich ein Wissensdefizit in vielen Kommunen und betont, dass Clubs in kleineren Städten oft ohne Unterstützung bleiben. Jablonski lehnt eine einheitliche landesweite Regelung ab und verweist auf die unterschiedlichen Bedingungen vor Ort, plädiert jedoch für mehr Sensibilisierung und Konfliktlösungen zwischen Wohnungsbau und Kultur. Braun will sich für klarere Vorgaben und eine stärkere koordinierende Rolle des Landes einsetzen.
Zum Abschluss nehmen beide Politiker konkrete Aufträge mit. Braun will sich mit der niedrigen Förderquote und den Fragen des Kulturraumschutzes intensiver beschäftigen. Jablonski sieht weiteren Gesprächsbedarf und bringt die Idee einer Kulturkonferenz ins Spiel. Lena Jeckel, Leiterin des Kulturamts Gütersloh, kritisiert aus dem Publikum, dass sich retardierende Kulturförderung in den Kommunen sehr bemerkbar macht. „Wir bauen Netzwerke ohne Ende, aber ohne Geld haben die nicht viel Wirkung. Wir brauchen politische Unterstützung und politischen Rückhalt.“ Julian Rybarski befürchtet sogar, dass Popkultur in der Breite verloren gehen werde, wenn man sich nicht stärker fördernd engagiert. Popkultur betrifft alle und sie braucht Priorität.
Jablonski hält dem entgegen, dass der Landeskulturhaushalt nicht gekürzt wurde und Programme wie Kulturschecks und „Dritte Orte“ gezielt Defizite im ländlichen Raum adressieren. Er erinnert daran, dass Kulturförderung in Nordrhein-Westfalen historisch stark kommunal geprägt ist und dass das Land mit der Lösung der Altschuldenproblematik eine zentrale strukturelle Voraussetzung für bessere Kulturförderung schaffe. Braun würdigt abschließend die Vernetzungsarbeit des Popboards und erkennt ihren Beitrag für die Kulturlandschaft des Landes an.
rvz
Foto: Frank Jablonski, Anna-Kathrin Dietrich und Florian Braun diskutieren über das, was der Popstandort NRW braucht. Panel des Popboards NRW auf der c/o pop am 17. April 2026. Foto: LMR NRW.