Navigation für Screenreader Zur Hauptnavigation springen | Zum Seiteninhalt springen | Zur Meta-Navigation springen | Zur Suche springen | Zur Fuß-Navigation springen

Vom Schaffen in der Gegenwart: Kompositionswerkstatt von WDR und Landesmusikrat NRW

Das Konzert des WDR Sinfonieorchesters in der Reihe Musik der Zeit am 14. Januar 2026 im Funkhaus Wallrafplatz stand ganz im Zeichen des „Ateliers“: sechs junge Komponistinnen und Komponisten präsentierten jeweils ein neues Orchesterwerk, alle als Uraufführungen, dirigiert von Baldur Brönnimann und moderiert von Theresa Szorek. Das Programm umfasste Werke von Miha Nahtigal, Evans Koçja, Jiaying He, Wen Ziyang, Tim Lugstein und José Luis Valdivia Arias. 

Das Konzert war das Ergebnis einer dreitägigen Kompositionswerkstatt, die der Landesmusikrat NRW und der WDR international ausgeschrieben hatten. Auf den gemeinsamen Aufruf hin bewarben sich 60 Komponistinnen und Komponisten mit insgesamt 82 eingereichten Werken – ein eindrucksvolles Zeichen für die enorme Resonanz und die Vielfalt aktueller kompositorischer Ansätze. Während der Vorbereitungszeit wechselte im WDR der zuständige Redakteur für Neue Musik. Auf Patrick Hahn folgte mit Tatkraft Anselm Cybinski, in der Zwischenzeit war Andrea Zschunke der Organisatorin des Landesmusikrats Hanna Fink eine engagierte Ansprechpartnerin, wie alle beteiligten Personen ein außerordentliches Maß an Engagement zeigten. So auch die Fachjury, die sechs Komponierende auswählte, indem sie nicht weniger als 82 Partituren studierte. Diese erhielten im Rahmen des Ateliers die Möglichkeit, ihre Partituren intensiv mit dem WDR Sinfonieorchester zu erarbeiten und weiterzuentwickeln. Das Konzert markierte somit nicht nur den Abschluss, sondern zugleich den Höhepunkt eines konzentrierten künstlerischen Prozesses, in dem Komposition als dialogisches, gemeinschaftliches Arbeiten erfahrbar wurde.

Schon der Abend als Ganzes zeigte eindrücklich, was diese Werkstattidee bedeutet: Orchester als lebendiges Labor, als Ort, an dem Partitur und Realität erst aufeinandertreffen und wo Komponieren nicht abgeschlossen ist, sondern im Austausch mit den Musikerinnen und Musikern weitergeschrieben wird. Genau dieses Spannungsfeld zwischen Kontrolle und Loslassen, Planung und Entdeckung zog sich wie ein roter Faden durch die Gespräche mit den Komponierenden, denen Moderatorin Theresa Szorek mit geschickten Fragen zentrale Aussagen entlockte.

José Luis Valdivia Arias beschrieb sein Stück Mistral als bewussten Verzicht auf totale Kontrolle. Zwar sei das Werk hochkomplex und extrem fordernd, doch überlasse er bestimmte Prozesse dem „Fluss“. Das Orchester bilde ein lebendiges System, das mit ihm als Komponisten kommuniziere. Die Proben seien für ihn ein Raum intensiven Feedbacks, in dem sich das Werk erst wirklich forme. Diese Offenheit spiegelte sich auch im Charakter des Stücks wider: ein kraftvoller, stürmischer Klangstrom, der an den namensgebenden Wind erinnerte und zugleich die Energie eines Kollektivs hörbar machte.

Jiaying He stellte mit vacuum travel: 55 days eine sehr persönliche Erfahrung in den Mittelpunkt. Wochenlanges Warten auf ein Visum in Paris habe sie in eine Art existenzielles Vakuum versetzt. Um diese Leere zu füllen, begann sie ein musikalisches Tagebuch, aus dem das Werk hervorging. Die Zahl 55 – die Dauer des Wartens in Tagen – strukturierte nicht nur den formalen Aufbau, sondern wurde zum Symbol für das Verstreichen einer belastenden, gleichzeitig stillstehenden Zeit. Das Stück wirkte wie ein Schwebezustand zwischen Bewegung und Stillstand, in dem sich Unsicherheit, Geduld und innere Unruhe überlagerten. Zwischen diesem und der Gegenwart liegen fünf Semester Studium Jiaying He's an der Folkwang Universität der Künste.

Tim Lugstein formulierte einen eher philosophischen Ansatz. In Viscous Crumbling gehe es um die Frage, was geschieht, wenn das Schöne zum Status quo wird und seine Wirkung verliert. Schönheit brauche Steigerung, Spannung und Reibung. Sein Komponieren sei ein Abtasten von Ideen, ein spielerisches Austesten gegensätzlicher Kräfte. Besonders aufschlussreich war seine Beobachtung, dass er in der Probenarbeit oft erst erkenne, wie das Stück „eigentlich funktioniert“. Die Partitur sei ein Entwurf, der erst im Klang des Orchesters seine wahre Logik enthülle.

Wen Ziyang sprach über Elegy als über ein Werk der Erinnerung und der Vergänglichkeit. Es sei eine Hommage an vergangene Leben und zugleich geprägt vom Geist des Erdbebens, also von der Erfahrung plötzlicher, erschütternder Katastrophen. Tragödien besäßen für ihn eine besondere Kraft. Diese Kraft habe er im WDR Sinfonieorchester in idealer Weise wiedergefunden. Besonders die vielen Glissandi dienten dazu, diese innere Erschütterung klanglich spürbar zu machen. Das Orchester wurde hier zum Resonanzraum für existenzielle Erfahrungen von Verlust und Endlichkeit.

Evans Koçja knüpfte mit Mystères de l’espace an bildende Kunst an, konkret an Kandinskys Denken in Punkt, Linie und Fläche. Die Partitur sei für ihn noch nicht die Musik, sondern nur deren Voraussetzung. Erst in der Realisation entfalte sich die eigentliche Energie. Sein Werk verstehe sich als Übersetzung von Bewegung, Spannung und Interaktion in Klang: Punkte werden zu Klangereignissen, Linien zu Entwicklungsprozessen, Flächen zu sich verdichtenden Klangräumen. Die Musik erschien so als dynamisches Feld, in dem visuelle Konzepte in Zeit verwandelt werden.

Miha Nahtigal schließlich stellte mit Marko skače. Previsoko auch die Frage nach der Kreativität künstlicher Intelligenz. Fragmente aus drei älteren Stücken anderer wurden von einem DJ-Programm neu arrangiert, ergänzt, verbunden und mehrfach überarbeitet – teils auch mit Hilfe von KI. Ihn interessierte weniger, ob KI Kunst ersetzen könne, sondern was vom Wert der Kunst bleibt, wenn Prozesse automatisiert und monetarisiert werden. Sein Stück wirkte wie ein Reflexionsraum über Autorschaft, Originalität und die Zukunft künstlerischer Arbeit, in dem viel Richard Strauss aufblitzte.

So entstand ein Abend, der weit mehr war als eine Abfolge neuer Orchesterstücke. Er wurde zu einem Panorama aktueller kompositorischer Fragestellungen: Wie viel Kontrolle braucht ein Werk? Wie entsteht Zeit in der Musik? Wie reagieren Klang und Form auf persönliche Erfahrung, politische Realität, Technologie und Katastrophe? Und wie verändert sich Kunst, wenn sie sich selbst befragt?

Dass all diese sehr unterschiedlichen Handschriften vom WDR Sinfonieorchester mit einer Selbstverständlichkeit und klanglichen Präsenz realisiert wurden, bestätigte die besondere Rolle dieses Orchesters als Partner der zeitgenössischen Musik. Der Konzertabend wirkte damit nicht nur wie eine Präsentation junger Positionen, sondern wie ein lebendiges Dokument dessen, was „Musik der Zeit“ heute bedeuten kann: ein offenes, suchendes, experimentierendes Feld zwischen Denken, Hören und Erleben. Am 16. April kann man es auf WDR3 erleben, dann auch in der Mediathek.

Robert v. Zahn

Fotos: Baldur Brönnimann und das WDR Sinfonieorchester am 14. Januar 2026 im Klaus-von-Bismarck-Saal des Kölner Funkhauses mit den Ergebnissen der Kompositionswerkstatt; Moderatorin Theresa Szorek, Tim Lugstein, Jiang He, Miha Nahtigal, Evans Kocja, Jose Luis Valdivia Arias, Baldur Brönnimann, WDR Sinfonieorchester 14012026; Fotos: LMR NRW.