Tagung „Musikpädagogik und Digitalisierung“ der Landesmusikakademie NRW im Dortmunder U

Mancherorts zieht die Digitalisierung eher zaghaft in die Musikpädagogik ein. Terminabstimmungen per Smartphone, Informationen in Rund-E-mails und auch die eine oder andere Klänge erzeugende App ist im Einsatz. Eine grundlegende Umgestaltung der Musikpädagogik durch Digitalisierung ist noch nicht auszumachen. Gleichwohl gibt es an anderen Stellen konzepthafte Ansätze – etwa seitens der Musikschulleiter im Ruhrgebiet – und Forschungsprojekte. Die Landesmusikakademie NRW lud nun am 30. November 2019 ins Dortmunder U ein, um bei Vorträgen und in Workshops zu erkunden, was an Digitalem in der Musikpädagogik möglich ist.

Die erwähnte AG der Musikschulen im Ruhrgebiet hat am Rande ihrer Arbeit ein Ensemble gebildet. Die „Mobile Devices Ruhr“ spielten an IPads arrangierte Pophits auf Apps, die für den Musikschulalltag getestet worden waren. Manfred Grunenberg, Stephan Prophet, Volker Gerland und Marco Dafov erinnerten nebeneinander über ihre IPads gebeugt ein wenig an die Gruppe Kraftwerk. Mit stoischer Konzentration entwickelten sie „Smoke On The Water“ aus den Klangmöglichkeiten der Apps.  Daran konnte Prof. Dr. Philipp Ahner von der Hochschule Trossingen in seinem Eröffnungsvortrag mit Überlegungen zum „Musiklernen mit digitalen Dingen“ spielend anknüpfen. Das Erfinden von Musik mit Smartphones erforscht Ahner in Hinsicht des kreativen Gestaltens von Klängen und der Entwicklung eines optimalen Designs des Unterrichts. Zwar entsprachen Altersdurchschnitt und Ausstrahlung der „Mobile Devices“ nicht der typischen Klientel in einer Musikschule oder im Schulunterricht, doch ihr spielerischer Umgang mit den Apps ist durchaus übertragbar.

Es gibt Tausende Apps, die sich mit Musik und ihrer Erzeugung auseinandersetzen sowie Klänge verarbeiten. Ein leichtes Murren war im Publikum zu vernehmen, als Ahner gestand, dass es die App für Musikpädagogik schlechthin aus seiner Sicht nicht gibt. Und umso hoffnungsfroher klang das Gemurmel, als er ein Heft ankündigte, das mit Vorstellungen und Empfehlungen durch eine Auswahl von Apps führt. Während der Tagung sei es bereits in Drucklegung, doch mitbringen habe er es leider nicht können. Die Broschüre ist aus der Arbeit in Fortbildungen entstanden, die sich mit Musik-Apps beschäftigten. Die Größe ihres Leserkreises darf schon jetzt als ausnehmend unterstellt werden.

Prof. Dr. Juliane Gerland von der Fachhochschule Bielefeld spann den Faden in ihrem Vortrag „Gemeinsam Musizieren mit Apps – Ist das Musikpädagogik oder kann das weg?“ weiter. Inwieweit begreifen wir Digitalisierung als eine musikpädagogische Herausforderung? Die Tagungsbesucher tun das durchaus, doch auf breiter Front ist diese Herausforderung in den Szenen noch nicht erkannt. Gerland treibt ihr Projekt „be_smart“ voran, in dem sie den Einsatz von Apps für die Teilhabe an kultureller Bildung von Personen mit komplexen Behinderungen untersucht. Sie fokussiert auf das subjektive Erleben der Nutzer, auf die Herausforderungen und Potenziale für Musikpädagogen und auf die Prozesse von Interaktion und Aneignung in Bildungssituationen.

Personen, die Musik-Apps genutzt haben, werden in Interviews befragt. Sie initiiert einen Austausch zwischen Musikpädagogen aus Schule, Musikschule und Erwachsenenbildung in Bezug auf die Apps. Und sie beobachtet den Einsatz in unterschiedlichen Settings. Dabei interessieren sie die Transformationen des Gegenstands durch die Nutzung der Apps und sie sucht neue Perspektiven auf die Implikationen von Digitalisierung in Bezug auf die Teilhabe an kultureller und insbesondere musikalischer Bildung. Gerland plädierte für eine reflexive, inklusionsorientierte Musikpädagogik, die auf die Herausforderungen durch Digitalisierung Antworten bieten könne.

Fünf Workshops führten dann in spezifische Anwendungsgebiete. Markus Brachtendorf (Musikschule Leverkusen) beschäftigte sich mit Instrumental- und Ensemble-Unterricht mit Hilfe von Smartphone und Tablet, Tobias Rotsch (Universität Münster) untersuchte Apps im Instrumental- und Vokalunterricht, André Stärk stellte das Learning-Management-System Detmold Music Tools (https://detmoldmusictools.de) vor, das die Hochschule für Musik Detmold online anbietet, und zeigte die Möglichkeiten des Erstellens von Lernmaterial. Manfred Grunenberg führte in einem Rundumschlag durch die Anwendungsgebiete des Digitalen in allen Bereichen der Musikschule und Linda Lühn (Bundesverband Musikunterricht NRW, Münster) stellte virtuos mit mehreren Geräten agierend die wichtigsten Apps für das Ipad als Lehrinstrument im Schulunterricht vor.

Manfred Grunenberg moderierte auch die Abschlussdiskussion und schob sie gleich zu Beginn in eine positive Blickrichtung: Was erhoffen Sie von Digitalisierung in der Musikpädagogik, fragte er die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seiner Runde. Warum engagieren Sie sich auf diesem Gebiet? Juliane Gerland vermutete neue Bildungsräume und Zugangskreise zu anderen Zielgruppen als Möglichkeiten der Digitalisierung. Markus Brachtendorf fühlt sich generell durch die Digitalisierung herausgefordert und gereizt. Philipp Ahner staunte, wie sehr sich Kunst und Musik durch Digitalisierung verändern. Tobias Rotsch schien sich etwas zu amüsieren, denn er kennt die Musikwelt als Keyboarder und als Producer gar nicht anders als digital. Linda Lühn sieht Musik als Medienfach an und damit als größten Nutznießer der Digitalisierung unter den Schulfächern. André Stärk verspricht sich mehr Nachhaltigkeit für seinen Unterricht und auch für seine persönliche Weiterentwicklung.

Gleichnisse entstanden in großer Fülle: Moderator Manfred Grunenberg malte das Bild vom Reiten eines Tigers aus. Tobias Rotsch hatte eher das Gefühl, einen Elefanten zu reiten, Philipp Ahner sprach von einem Gang in den Zoo mit zaghaften Blicken auf Tiere in Käfigen und Linda Lühn fühlte sich im Versuch, auf einen riesigen langsamen Elefanten zu klettern. Juliane Gerland sah sich eher einem Chamäleon gegenüber, so vielfältig sei die Digitalisierung. Markus Brachtendorf fühlte sich demgegenüber als Fliege, die an der Zunge des Chamäleons hängen bleibt. Denn die Gefahren der Digitalisierung seien groß. Linda Lühn pflichtete bei: Die Schüler brauchen ein klares Ziel, bei komplexeren Projekten wissen sie oft nicht, wo es hingehen soll. Die Lehrkraft müsse da klar orientiert sein. Also gut weiterbilden, folgerte Grunenberg: Ipads für alle, das reicht nicht.

Für André Stärk sind Veränderungen in der musikalischen Bildung unvermeidlich. Den Schülern werde immer mehr vorgegeben. Gleichzeitig zeige die Fülle der digitalen Angebote Züge von Beliebigkeit. Man könne das alles nicht mehr überblicken und er wolle sich irgendwann von der Aufgabe, den Überblick zu bewahren, zurückziehen. Lühn widersprach: Auch mit einer geringen Zahl an Apps könne man alles im Unterricht Erforderliche abdecken. Grunenberg schloss daraus, dass es eine wichtige Aufgabe des Pädagogen sei, schlicht den Überblick über die digitalen Angebote zu behalten, und im Unterricht Leitlinien zu geben. Man spürte deutlich, dass es manchen bei dieser Aufgabe gruselte.

Die Tagung der Landesmusikakademie NRW wurde vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW und der Gesellschaft der Freunde und Förderer der Landesmusikakademie NRW gefördert. Kooperationspartner waren die Kulturbetriebe der Stadt Dortmund, der Bundesverband Musikunterricht NRW und der Landesverband der Musikschulen in NRW.

rvz

Fotos: Tagung "Musikpädagogik und Digitalisierung" der Landesmusikakademie NRW am 30. November 2019 im Dortmunder U mit Manfred Grunenberg, Stephan Prophet, Volker Gerland und Marco Dafov; Abschlussdiskussion moderiert von Manfred Grunenberg (Mitte); Begrüßung durch Reinhard Knoll und Antje Valentin seitens des Landesmusikakademie NRW; Antje Valentin mit den Workshopleitern Markus Kropp, Linda Lühn, Markus Brachtendorf und Manfred Grunenberg; Vortrag von Juliane Gerland; Fotos: LMR NRW.

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