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Mondo Chôro und Emajamaa gewinnen Creole NRW 2026

Zehn Ensembles, zwei Konzertabende und ein eindrucksvolles Panorama der globalen Musikszene Nordrhein-Westfalens: Am 25. und 26. September 2026 veranstaltete der Landesmusikrat NRW im domicil Dortmund den Wettbewerb Creole NRW – globale Musik aus NRW. Die beiden mit jeweils 3.000 Euro dotierten Preise gingen an Mondo Chôro und Emajamaa. Beide Ensembles wurden darüber hinaus in den Förderkatalog „Musikkulturen“ der beiden NRW-Kultursekretariate aufgenommen und erhalten damit die Möglichkeit zu weiteren geförderten Konzertauftritten in Nordrhein-Westfalen.

Creole NRW versteht kulturelle Vielfalt nicht als bloßes Nebeneinander verschiedener Traditionen, sondern als musikalischen Austausch, in dem Formen und Klangsprachen wandern, sich verändern und mit neuen Einflüssen verbinden. Zehn von einer Vorjury ausgewählte Bands machten an den beiden Wettbewerbsabenden hörbar, wie unterschiedlich dieser Ansatz künstlerisch umgesetzt werden kann. Jazz und Klassik begegneten indischen Ragas, brasilianischem Choro, Balkanmusik, persischen und aserbaidschanischen Traditionen, griechischer Musik, Folk, Pop, elektronischen Klangwelten und freier Improvisation.

Den ersten Wettbewerbsabend am Freitag eröffnete AFRO WELT JAZZ mit Alessandro Palmitessa, Aladji Mbaye und Georg Berhausen-Land. Das Trio führte Jazz zu seinen afrikanischen und afroamerikanischen Wurzeln zurück und verband zugleich die senegalesische Herkunft Mbayes mit Palmitessas italienischem Hintergrund. Besonders die von Mbaye gespielte Tama, die „sprechende Trommel“, prägte gemeinsam mit Saxophon, Klarinette, Bass und elektronischen Elementen den charakteristischen Klang.

Flurklang stellte anschließend die unmittelbare musikalische Kommunikation ins Zentrum. Nicole Besse an Violine und Viola, Martin Küpper am Klavier und Debasish Bhattacharjee an der Tabla verbanden Jazz und Klassik mit traditioneller indischer Musik. Improvisation wurde dabei zum eigentlichen Prinzip des Zusammenspiels: Motive wurden aufgenommen, weitergegeben und spontan verwandelt. Daraus entstanden Klangräume zwischen meditativer Ruhe und rhythmischer Energie.

Mit Emajamaa war bereits am ersten Abend eines der beiden späteren Siegerensembles zu erleben. Fernando Lyra an Handpans, Rav Drum und Sansula, Tabea Hörsch am Cello und Moritz Gahbler an der Perkussion präsentierten eine außergewöhnliche Instrumentenkombination. Einflüsse aus skandinavischem Jazz, Minimal Music, Klassik und Folk flossen in Eigenkompositionen zusammen, die zwischen fließenden, beinahe schwebenden Klangflächen und ausgeprägter rhythmischer Energie wechselten. Das seit 2025 in Köln beheimatete Trio ließ aus der Verbindung verschiedener Musikkulturen eine neue Klangkultur entstehen, wie der Juryvorsitzende Siavas Rastani hervorhob.

Eine wiederum andere Klangwelt eröffnete About Aphrodite. Gilda Razani spielte Theremin und Sopransaxophon, Hanzō Wanning Klavier und Synthesizer und Benny Mokross Perkussion. Persische Volksmusik traf hier auf Jazz und Kammermusik, Synth-Pop und elektronische Sounds. Razanis Melodien aus ihrer persischen Herkunft und Mokross' auf türkische und kurdische Traditionen zurückgehendes Darbuka-Spiel verbanden sich mit elektronischen Klangräumen. Material lieferte dabei auch das 2026 erschienene Album „Songs Without Words“.

Den Abschluss des ersten Abends gestaltete LER.CHE. Das Quartett um die rumänische Sängerin Astatine – Ana Maria Leistikow – verbindet moderne Jazzästhetik mit rumänischer Musiktradition. Norman Peplow am Klavier, David Andres am Kontrabass und Thomas Wörle am Schlagzeug begleiteten die Sängerin bei einem Programm zwischen lyrischen Folkmelodien, Balkangrooves und freier Improvisation. Eigenkompositionen und neu arrangierte traditionelle Lieder wurden zum Ausgangspunkt eines progressiven rumänischen Jazz.

Simin Tander & Jens Düppe ließen am zweiten Konzertabend mit ihrem Programm „Drops of Happiness“ Jazz, zeitgenössische Improvisation, experimentellen Pop und globale Musiktraditionen ineinanderfließen. Eine besondere Klangfarbe brachte Tanders artifizieller Gesang auf Paschtu, der Sprache ihres afghanischen Vaters, ein. Im Zusammenspiel mit Düppes Schlagzeug, Perkussion, Klavier und Elektronik entwickelte sich ein intensiver Dialog zwischen Stimme, Rhythmus und elektronisch erweiterten Klangräumen.

Das Gert Kapo Quartett schlug die Brücke vom Balkan über den Orient und Nordafrika bis zum Jazz. Ausgangspunkt war Kapos Album „Amanet“ von 2024. Der Begriff bezeichnet in Albanien, Kapos Geburtsland, ein Geschenk von besonderem Wert – übertragen auf die Musik eine Melodie oder Komposition, die von einer Generation an die nächste weitergegeben wird. Gemeinsam mit Armin Alić am Bass, Epaminondas Ladas an Gitarre und Oud sowie Mirek Pyschny am Schlagzeug machte Kapo daraus einen zeitgenössischen Balkan-Jazz, in dem musikalisches Erbe nicht konserviert, sondern weiterentwickelt wird.

Atmosphärische Klanglandschaften prägten den Auftritt von The Shadow Caravan. Im Mittelpunkt stand die iranischstämmige Sängerin und Dichterin Sanaz Zaresani. Gemeinsam mit Benjamin Stein an Santur, Oud, Tar und Gitarre, Uwe Böttcher an Kontrabass, Geige und Bratsche, Mohamed Najem an Klarinette und Ney sowie Haman Amini an der Perkussion verband sie musikalische Traditionen Irans und Aserbaidschans mit improvisatorischen und zeitgenössischen Ausdrucksformen. Poesie, alte Melodien und freie Klangräume bildeten eine Musik zwischen Erinnerung und Gegenwart, deren Themen von Freiheit, Sehnsucht und innerer Wandlung reichten.

Fevronía, in Griechenland aufgewachsene und seit vielen Jahren in Deutschland lebende Sängerin und Baglamas-Spielerin, verband ihre mediterranen Wurzeln mit Jazz, Pop und Rock. Gemeinsam mit Gert Kapo an den Keyboards, Philipp Köbele an den Gitarren, David Perez Luna am Bass und Sebastian Bauer am Schlagzeug entstand zeitgenössische globale Musik, in der die griechische Tradition Ausgangspunkt blieb, ohne zur stilistischen Grenze zu werden.

Den Abschluss bildete Mondo Chôro, das zweite Siegerensemble den Wettbewerb. Eine Autopanne des Pianisten hatte die Band an den Schluss der Programmfolge befördert. Anais Pasanau Miró an der Klarinette, Henrique Gomide am Klavier, João Luis Nogueira an der Gitarre und Carl Zinsius an der Perkussion widmeten sich dem brasilianischen Choro. Samba, Baião und Ijexá trafen auf improvisatorischen Dialog und kammermusikalische Passagen. Gerade der Choro erwies sich dabei als geradezu exemplarisch für die Idee von Creole: Er selbst entstand aus der Begegnung europäischer und afrikanischer Musikkulturen. Mondo Chôro verband diese Tradition mit Jazz, Klassik und zeitgenössischen brasilianischen Einflüssen und dies mit einem hohen Maß an künstlerischer Eigenständigkeit, wie Robert v. Zahn bei der Auszeichnung der Band hervorhob.

Durch beide Konzertabende führte mit vielen Informationen und noch mehr Charme Moderatorin Mia Heresch. Über die Preise entschied die fünfköpfige Hauptjury mit Morena Piro, Neil Grant, Ornella Mikwasa, Ralph Zinnikus und Syavash Rastani. Bereits die Auswahl der zehn Wettbewerbsensembles hatte eine Vorjury vorgenommen, der Andreas Heuser, Syavash Rastani, Valentina Bellanova und Zainab Lax angehörten. Kurator der Creole NRW 2026 war Kazım Çalışgan, die Organisation beim Landesmusikrat lag bei Abhilash Arackal.

Am Ende überzeugten Mondo Chôro und Emajamaa die Jury. Beide Formationen stehen auf sehr unterschiedliche Weise für den Grundgedanken des Wettbewerbs: Mondo Chôro greift mit dem brasilianischen Choro eine bereits aus kulturellen Begegnungen hervorgegangene Musikform auf und entwickelt sie im Zusammenspiel von vier Musikerinnen und Musikern unterschiedlicher Herkunft weiter. Emajamaa schafft dagegen aus einer ungewöhnlichen Instrumentierung und Einflüssen aus Jazz, Klassik, Minimal Music, Folk und globalen Musiktraditionen eine neue, schwer auf ein einzelnes Genre festzulegende Klangsprache. Beide Ensembles erhalten ein Preisgeld von jeweils 3.000 Euro und werden in den Förderkatalog „Musikkulturen“ der beiden Kultursekretariate in NRW aufgenommen.

Creole NRW wurde vom Landesmusikrat NRW in Kooperation mit dem Kulturbüro der Stadt Dortmund und dem domicil Dortmund veranstaltet, in Verbindung mit den NRW-Kultursekretariaten und ihrem Programm „Musikkulturen“. Gefördert wurde der Wettbewerb vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Wettbewerb zeigte, wie selbstverständlich Musikerinnen und Musiker in Nordrhein-Westfalen heute unterschiedliche kulturelle Erfahrungen und musikalische Traditionen als Material für neue künstlerische Ausdrucksformen nutzen. Die zehn Ensembles standen dabei weniger für voneinander abgegrenzte musikalische Herkunftswelten als für unterschiedliche Wege, diese miteinander ins Gespräch zu bringen.

rvz