Unter dem Titel „Spielräume für die Kultur?“ hat der Kulturrat NRW am 29. September 2026 zu seinem Mitgliederforum in das Konferenzzentrum der RheinEnergie in Köln eingeladen. Zugleich bot das Treffen Anlass, auf 30 Jahre Kulturrat NRW zurückzublicken. Nach einem Video-Grußwort des Ministerpräsidenten Hendrik Wüst begrüßte die Geschäftsführerin des Kulturrats NRW Margrit Lichtschlag die Mitglieder und Gäste. Es standen Erinnerungen an die Geschichte des Kulturrats, aktuelle kulturpolitische Herausforderungen und die künftigen Handlungsspielräume der Kultur im Mittelpunkt. Den zentralen Vortrag hielt Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Anschließend ging das Forum in ein moderiertes Gespräch und eine Diskussion mit den Mitgliedern über.
Der Vorsitzende des Kulturrats NRW, Lorenz Deutsch, machte in seinem einleitenden Beitrag deutlich, dass das Jubiläum keinen Anlass für ungetrübte Feierstimmung biete. Multiple Krisen, gesellschaftliche Verunsicherung und die Infragestellung demokratischer Gewissheiten prägten die Gegenwart. Vieles vermittle das Gefühl einer Übergangszeit, deren Ausgang ungewiss sei. Gerade daraus erwachse für Kultur und Kulturpolitik eine besondere Verantwortung: Sie müssten die gesellschaftlichen Realitäten wahrnehmen, verstehen und auf Veränderungen reagieren.
Deutsch unterstrich dabei die Bedeutung des Kulturföderalismus. Die stärkere Vernetzung der Kulturräte der Länder sei nicht allein eine Frage besserer Zusammenarbeit. Föderale Strukturen bedeuteten auch Resilienz, weil Verantwortung, kulturpolitische Gestaltungsmöglichkeiten und öffentliche Diskurse auf mehrere Ebenen verteilt seien. Angesichts unmittelbarer Herausforderungen für die Demokratie gelte es zugleich, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Kultur müsse sich frei und ungelenkt entwickeln können.
An mehreren Beispielen erläuterte Deutsch, wie der Kulturrat NRW auf aktuelle gesellschaftliche Veränderungen reagiert. Auf Ausgrenzung und gesellschaftliche Polarisierung antworte er unter anderem mit dem Runden Tisch Diversität. Antisemitismus verlange eine klare Haltung. Mit den Folgen Künstlicher Intelligenz für Kunst und Kultur habe sich der Kulturrat intensiv beschäftigt und seine Positionen auch in einer Anhörung des Landtags eingebracht. Die dort erhobene Forderung nach einem Kompetenznetzwerk werde inzwischen von der Kulturministerin aufgegriffen und mit vielen Partnern, darunter der Kulturrat, umgesetzt.
Ein weiteres zentrales Arbeitsfeld bleibe die soziale Lage der Kulturschaffenden. Arbeit in der Kultur sei vielfach von prekären Erwerbsbedingungen geprägt. Der Kulturrat habe deshalb konkrete Vorschläge für Verbesserungen entwickelt. Aktuell stehe insbesondere eine Einkommensausfall-Versicherung selbstständiger Künstlerinnen und Künstler im Mittelpunkt. Kulturrat NRW und Deutscher Kulturrat verträten dabei teilweise unterschiedliche Modelle, seien sich aber über den Handlungsbedarf einig. Doch nur der Kulturrat NRW begrüßt die aktuelle Bundesratsinitiative der Kulturministerin.
Auch die Folgen des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine beschäftigen den Kulturrat weiterhin. An das Programm „Kultur hilft Kultur“ sollen nach den Gesprächen mit dem Ministerium für Kultur und Wissenschaft weitere Formen des Austauschs anknüpfen; im Gespräch ist eine Austauschplattform. Arbeitsgruppen des Kulturrats beschäftigen sich intensiv mit kultureller Bildung und der Frage, welche gesellschaftlichen Gruppen Kulturangebote tatsächlich erreichen, sowie mit Nachhaltigkeit und neuen Konzepten für den Kulturbereich.
Deutsch erinnerte schließlich an zwei Persönlichkeiten, die die Kulturpolitik und das Musikleben in Nordrhein-Westfalen nachhaltig geprägt haben: seinen Vorgänger im Vorsitz des Kulturrats NRW Gerhart Baum sowie dessen langjährigen Stellvertreter Reinhard Knoll.
Über die Anfangszeit des Dachverbandes führten Heike Herold und Robert v. Zahn Gespräche mit Aktiven der Gründungszeit, darunter mit dem ersten Vorsitzenden Hans-Georg Bögner, mit Rainer Bode und mit Linda Müller. Es entstand das Bild einer Zeit, in der das Verhältnis zwischen dem jungen Dachverband und der Landesregierung schwierig war. Kürzungen in der Kulturförderung führten zur ersten Kampagne des Kulturrats NRW, der Kulturschredder-Kampagne, in der die Aktiven Vertreterinnen und Vertretern von Landesregierung und -vertretung Schredderreste in Briefumschlägen schickten.
In seinem Festvortrag verband Olaf Zimmermann den Rückblick auf 30 Jahre Kulturrat NRW mit einer Betrachtung der Veränderungen deutscher Kulturpolitik seit den 1990er-Jahren. Zimmermann bekannte sich zu seiner langjährigen Verbundenheit mit Nordrhein-Westfalen und erinnerte daran, dass die Ziele des 1996 gegründeten Kulturrats NRW in vieler Hinsicht denen des Deutschen Kulturrats ähnelten. Der neue Landeskulturrat habe sich unmittelbar nach seiner Gründung in die Landespolitik eingemischt – in einer Zeit, in der Kürzungen die kulturpolitischen Debatten bestimmten.
Zimmermann zeichnete zugleich den grundlegenden Wandel der bundespolitischen Rahmenbedingungen nach. Mitte der 1990er-Jahre sei Bonn noch das Zentrum der Bundespolitik gewesen, während Kulturpolitik auf Bundesebene nur eine vergleichsweise geringe Rolle gespielt habe. Mit der Einrichtung des Amtes des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien unter Bundeskanzler Gerhard Schröder und dem ersten Kulturstaatsminister Michael Naumann sowie mit dem Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin habe sich die Situation grundlegend verändert. Auch der Deutsche Kulturrat verlegte seinen Sitz von Bonn nach Berlin. Nordrhein-Westfalen habe sich dadurch von einem Land in unmittelbarer Nähe zum politischen Zentrum zu einem von 16 Ländern im Berliner Politikbetrieb gewandelt.
Bereits 1996 sei intensiv über die neuen Medien und die damit verbundenen Hoffnungen für Nordrhein-Westfalen diskutiert worden. Drei Jahrzehnte später stelle Künstliche Intelligenz Kunst und Kultur vor eine ähnlich grundlegende technologische Herausforderung. Gerade bei solchen Entwicklungen könne der Kulturrat NRW die gebündelte Expertise seiner Mitgliedsverbände in die politische Diskussion einbringen.
Zimmermann hob mehrere kulturpolitische Entwicklungen hervor, bei denen Nordrhein-Westfalen bundesweit Impulse gesetzt habe. Die Kulturhauptstadt RUHR.2010 sei ein eindrucksvolles Zeichen der kulturpolitischen Gestaltungskraft des Landes gewesen. Als Meilenstein bezeichnete er das Kulturfördergesetz NRW: Erstmals habe ein westdeutsches Flächenland Grundsätze der Kulturförderung gesetzlich verankert. Auch wenn diese Regelungen nicht alle Erwartungen erfüllten, hätten sie Vorbildcharakter entwickelt und zeigten, dass gesetzliche Verankerungen der Kulturförderung gerade in politisch schwierigen Zeiten Schutzwirkung entfalten können.
Auch bei den Honoraruntergrenzen habe Nordrhein-Westfalen eine Pilotfunktion übernommen. Das während des Ukraine-Krieges entwickelte Programm „Kultur hilft Kultur“ sei ebenfalls beispielgebend gewesen. Als besonders wichtig würdigte Zimmermann zudem die von Gerhart Baum vorangetriebene Vernetzung der Landeskulturräte, aus der inzwischen eine länderübergreifende Zusammenarbeit entstanden sei.
Mit Blick auf die Gegenwart beschrieb Zimmermann allerdings erhebliche Herausforderungen. Er konstatierte ein nachlassendes kulturpolitisches Interesse bei Teilen des politischen Spektrums und verwies zugleich darauf, dass die AfD kulturpolitische Fragen intensiv aufgreife, allerdings mit Zielsetzungen, die denen der im Deutschen Kulturrat zusammengeschlossenen Kulturverbände entgegenstünden. Auf Bundesebene beobachte er gegenwärtig eine grundlegende Veränderung des Verständnisses von Kulturförderung. Gerade deshalb komme den Ländern und ihren kulturpolitischen Strukturen künftig besondere Bedeutung zu.
Im anschließenden Gespräch „Von Kulturrat zu Kulturrat“ wurden diese Fragen mit Mitgliedern und Publikum weiterdiskutiert. Mehrere Diskussionsbeiträge wiesen darauf hin, dass neben den föderalen Ebenen Land und Bund gerade in Nordrhein-Westfalen die Gestaltungskraft des Kulturlebens und die Identifikation mit der Demokratie in erster Linie auf kommunaler Ebene entschieden werde und dass der Föderalismus alles daran setzen muss, die kommunale Ebene wieder zu erstarken.
rvz
Fotos: Lorenz Deutsch und Olaf Zimmermann am 29. September 2026 im Konferenzzentrum der RheinEnergie Köln; Festvortrag Olaf Zimmermanns; Heike Herold interviewt Rainer Bode; Ingrid Schindler, Katrin Gildemeister und Vera Schöpfer in der Diskussion nach dem Vortrag Olaf Zimmermanns; Margrit Lichtschlag dankt Olaf Zimmermann; Lucienne Laven und Catarina Rojas Hauser beim Empfang 30 Jahre Kulturrat NRW; Fotos: LMR NRW.