Die Odyssee eines Jubiläums

50 Jahre Landesjugendorchester NRW - Konzert in der Historischen Stadthalle in Wuppertal

Seit 1970 besteht das Landesjugendorchester NRW nun schon, und dieses große Jubiläum sollte groß gefeiert werden. Bis zu 2200 Gäste wurden erhofft zum Jubiläumskonzert Ende April 2020 in der Kölner Philharmonie. Wie wir alle wissen, musste dieses Ereignis - mit geplanter Anwesenheit vieler hochrangiger Ehrengäste aus Politik und Kulturwelt, mit Ehemaligen, Eltern und vielen Freunden - aus Pandemiegründen abgesagt werden. Kurzzeitig wurde ein Streaming des Konzerts am vorgesehenen Termin erwogen, aber der dann erfolgte komplette Shutdown machte alles zunichte.

Nachdem der Schock verdaut war, begab sich das Orchestermanagement auf die Suche nach einer neuen Möglichkeit, das Jubiläum zu begehen und wurde fündig: Der Große Sendesaal im Kölner Funkhaus sollte es sein, dazu, in langer Tradition fruchtbarer Zusammenarbeit mit dem Westdeutschen Rundfunk, ein Mitschnitt für den Sender. Auch das wurde nichts, da die Bestimmungen im Haus die Bespielung der dortigen Bühne mit der vom Orchester geplanten Mindestgröße, auf Abstand und unter Wahrung aller "Coronaregeln", nicht zuließ. Aber selbst jetzt noch wurde eine Lösung gefunden, das Konzert konnte kurzfristig in die Historische Stadthalle in Wuppertal verlegt werden. Auch der WDR spielte mit und sandte ein Ü-Wagen-Team. Dass nun aufgrund sich verschärfender Regeln das Konzert zweimal gegeben werden musste (11 Uhr und 19 Uhr), ist in diesen verrückten Pandemie-Zeiten nur noch eine Randnotiz.

Die Odyssee war also beendet und alles war bereit. Das Programm umfasste Beethovens Violinkonzert und seine dritte Symphonie, also die "Eroica". Zugegebenermaßen sind das zwei Werke, die im professionellen Musikbetrieb auch schon mal als "abgedroschen" bezeichnet werden, aber die Orchesterleitung ist sich bewusst, dass hier junge Menschen zusammensitzen, für die auch diese (zu) viel gespielten großen Klassiker Neuland sind, da diese für heimische Schul- und Jugendorchester viel zu schwer sind.

Mit entsprechend viel Feuer und Elan ging das Orchester unter der Leitung von Sebastian Tewinkel zur Sache und schuf Außerordentliches. Die Eroica erklang transparent und feurig, tiefgründig und strahlend, traurig und hoffnungsfroh, heroisch und triumphierend, also in allen Facetten die Ludwig van Beethoven seiner Symphonie mitgegeben hat. Das Ganze erfolgte in präzisem Zusammenspiel und mit guter Instrumentaltechnik, wohltuend uneitel angeleitet von Sebastian Tewinkel.

Und dann war da noch das Violinkonzert. Das Publikum war schlicht geplättet von der Ausstrahlung und Bühnenpräsenz der jungen Solistin Mira Foron, die das Werk, Prüfstein aller großer und größter Geiger, makellos, strahlend und mit unfassbarem Charme präsentierte. Technisch und musikalisch perfekt und mit frischen Tempi vorgetragen, machte sie die Anwesenden vergessen, dass hier nicht ein arrivierter Geigenstar mittleren Alters auf der Bühne stand, sondern eine noch ganz junge Dame im geschmackvollen Seidenkleid, aber barfuß.

Gespannt war man auf die neu komponierten Kadenzen von Fazil Say, Komponist aus Istanbul und derzeit unter den Geigern besonders angesagt, weil seine Violinsonate weltweit die meistgespielte der Gegenwartsmusik ist. Das Publikum wurde nicht enttäuscht, boten die Kadenzen doch die von Geigern und auch Auftraggebern erhoffte Gratwanderung zwischen akzentuierter Rhythmik, orientalischen Skalen, Naturimitationen und motivischem Material aus Beethovens Meisterwerk. Besonders die überleitende Kadenz vom zweiten zum dritten Satz ließ alle schmunzeln, kam doch das bekannte Motiv des Finales (Sie wissen schon: "Dat daaah dat dahdat") fast verschmitzt um die Häuserecke herum, großartig gespielt und präsentiert von Mira Foron.

Eine wohlformulierte Rede von André Sebald, dem Vorsitzenden des Beirats des Orchesters, war der Bedeutung des Ereignisses angemessen, gab Einblick in 50 Jahre Arbeit des Landesjugendorchesters und ersetzte die sonst übliche Konzertpause. Solche sind in Coronazeiten im Gebäude nicht zugelassen.

Die Wahl des Großen Saals der Historischen Stadthalle Wuppertal war sowohl akustisch als auch in seinem phantastischen Ambiente ein Glücksgriff, ist er doch schlicht der schönste Konzertsaal Deutschlands. So sagt nicht nur der Wuppertaler Verfasser dieses Berichts, sondern so sagen auch viel andere.

(Michael Bender)

Foto: Verein zur Förderung von Landesjugendensembles NRW e.V.

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