Der Bundesmusikverband Chor & Orchester (BMCO) fordert, Amateurmusik als Teil der Demenzprävention anzuerkennen. Beim Fachkongress „Musizieren für und mit Menschen mit Demenz – Perspektiven für Chöre und Instrumentalensembles“ brachte der BMCO rund 100 Expert*innen aus Musik, Pflege, Wissenschaft und Zivilgesellschaft zusammen. Jetzt ist der Veranstaltungsnachbericht erschienen, der die zentralen Erkenntnisse des Kongresses kompakt zusammenfasst.
Am 25. und 26. April 2026 hatte der Bundesmusikverband Chor & Orchester in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe zum Fachkongress nach Karlsruhe eingeladen, um die Ergebnisse des vierjährigen Förderprogramms „Länger fit durch Musik!“ zu präsentieren und zu diskutieren. Der Verband hat damit ein Forum geschaffen, in dem sich Ensembles, Initiativen und Pflegeeinrichtungen direkt austauschen und für die weitere musikalische Arbeit mit Menschen mit Demenz informieren und weiterbilden konnten.
„Rund 45 Prozent der Demenzerkrankungen sind positiv beeinflussbar – etwa durch soziale und kognitive Aktivität wie beispielsweise gemeinsames Musizieren“, erläuterte Theresa Demandt, Geschäftsführerin des Bundesmusikverbands Chor & Orchester. Sie forderte: „Amateurmusik leistet einen wichtigen Beitrag zur Demenzprävention. Sie sollte deshalb im Gesundheitssystem stärker mitgedacht werden. Musikensembles schaffen soziale Nähe, halten geistig aktiv und unterstützen das seelische Wohlbefinden – regelmäßig, vor Ort und für viele Menschen zugänglich. Diese Wirkung muss anerkannt werden. Amateurmusikangebote sollten gezielt unterstützt und als Teil einer umfassenden Präventionsstrategie fest verankert werden.“
Zentrale Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft
Die Keynotes von Prof. Dr. Kai Koch, Dr. Birgit Teichmann und Franziska Heidemann machten deutlich, wie stark Musik zu emotionaler Stabilisierung, Stressreduktion, positivem Kommunikationsverhalten sowie zur Aktivierung und sozialen Teilhabe von Menschen mit Demenz beitragen kann. Erste Ergebnisse aus der Begleitforschung des Förderprogramms „Länger fit durch Musik!“ zeigen, dass regelmäßiges gemeinsames Musizieren nicht nur Erinnerungen weckt, sondern auch Selbstwirksamkeit und Orientierung stärkt. Ein Instrument zur Sensibilisierung sind die vom BMCO entwickelten Demenz Partner Schulungen mit musikalischem Fokus, bei denen grundlegendes Wissen über Demenz und Musik vermittelt wird.
Der Pflegewissenschaftler und Gerontologe Prof. Dr. Bernd Reuschenbach betonte in seiner Keynote die Chancen und Fördermöglichkeiten, aber auch die strukturellen Grenzen musikbasierter Angebote in der Pflege. Reuschenbach ordnete verschiedene sozialrechtliche Grundlagen ein und zeigte auf, unter welchen Voraussetzungen musikalische Angebote im Rahmen von Pflegeversicherung, sozialer Betreuung, Eingliederungshilfen oder Gesundheitsförderung bezuschusst werden können.
Workshops zeigen Vielfalt der methodischen Ansätze und Input für die Praxis
Wer Musik macht, kann unmittelbar dazu beitragen, Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen an Angeboten teilhaben zu lassen und eine demenzfreundliche Gesellschaft aktiv mitzugestalten. Wie das vielfältig und praxisnah gelingen kann, zeigten die Workshops des Kongresses. In mehr als einem Dutzend Formaten erhielten die Teilnehmenden von Expert*innen konkrete Methoden an die Hand – von demenzsensibler Chor- und Ensemblearbeit über intergenerationelle Probenmethoden und musikgeragogischen Ansätzen bis hin zu inklusiver Konzertgestaltung, Drum-Circle-Formaten, Tanzen im Sitzen und interkultureller Musikarbeit.
Alle Anregungen, Methoden, Erklärvideos, Vorlagen und Hilfestellungen für demenzsensibles Musizieren sind ab sofort in unserem digitalen Methodenkoffer auf dem Infoportal www.frag-amu.de/inspirieren/demenz zu finden.
Gesellschaftliche Bedeutung im Fokus: Amateurmusik als Präventionsfaktor
In der Podiumsdiskussion „Taktgefühl und Tatkraft – Teilhabe, Sorge und Gemeinschaft gestalten“ diskutierten Vertreter*innen aus Politik, Verbänden und Wissenschaft über die Rolle der Amateurmusik in einer demenzsensiblen Gesellschaft. Die Diskussion machte eindrücklich deutlich, dass Musik weit mehr ist als ein ergänzendes Angebot. Chöre und Instrumentalensembles wirken präventiv, schaffen Begegnung, ermöglichen Teilhabe – sowohl für Menschen mit und ohne Demenz, als auch für Angehörige – und können Brücken zwischen Generationen und Professionen schlagen. Sie leisten einen wichtigen Beitrag für eine demenzfreundliche Gesellschaft. Die Runde identifizierte jedoch vielfach noch „blinde Flecken“ wie das Einbeziehen von Menschen mit Migrationsgeschichte.
Auch die Zukunft der Strukturen, Ausbildungssysteme und die Zusammenarbeit mit weiteren Initiativen waren im Fokus der Diskussion. Durch das Förderprogramm „Länger fit durch Musik“ hatten 43 Modellprojekte die Möglichkeit, sich Wissen anzueignen und in die Praxis umzusetzen. Sie sind nun besser auf die Realität einer steigenden Zahl von Demenz-Betroffenen vorbereitet.
Fazit
Die Veranstaltung zeigte eindrucksvoll, wie groß das Potenzial musikbasierter Angebote ist – und wie wichtig es bleibt, Menschen mit Demenz in der Mitte der Gesellschaft zu halten. Entscheidend ist jetzt, dass dieses Wissen und die erarbeiteten Erkenntnisse und Methoden in die Breite der Gesellschaft getragen werden. Die Initiativen, die sich bereits auf diesen Weg gemacht haben, müssen gestärkt werden. Es braucht Unterstützung für starke Netzwerke und eine stabile und langfristige Struktur, damit diese Energie auch zukünftig wirken kann. Als aktiver Partner der Nationalen Demenzstrategie trägt der BMCO dazu bei, musikalische Teilhabe im Alter zu stärken und die Amateurmusiklandschaft für Menschen mit Demenz weiter zu öffnen.
(Pressemitteilung des Bundesverbands Chor & Orchester vom 7.5.2026)
Alle Informationen zum BMCO-Förderprogramm „Länger fit durch Musik!“ stehen unter bundesmusikverband.de/demenz zur Verfügung.