Mit der am 1. Februar eröffneten Ausstellung „Instrument des Jahres: Akkordeon“ widmet sich das Haus Kemnade einem Instrument, dessen künstlerische Entwicklung lange unterschätzt wurde. Die Vitrinen und ausführlichen Legenden zeichnen den Weg des Akkordeons vom einfachen Begleit- und Volksmusikinstrument hin zu einem anerkannten Konzertinstrument der Kunstmusik nach. Die Legenden beruhen auf den Recherchen von Kurator Ralf Kaupenjohann zusammen mit Verena Funtenberger und Norbert Grote.
In mehreren thematisch gegliederten Räumen entfaltet sich die Geschichte eines Instruments, das über Jahrzehnte ein Schattendasein führte und dessen Emanzipation sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit bemerkenswerter Dynamik vollzog. Im Zentrum der Ausstellung steht die Erkenntnis, dass sich das Akkordeon – ursprünglich stark mit volkstümlicher Musik verbunden – zu einem hochkomplexen und vielseitigen Instrument der zeitgenössischen Kunstmusik entwickelt hat. Maßgeblich dafür ist die Durchsetzung des Einzeltonakkordeons, das das Standardbassakkordeon in der Konzertpraxis weitgehend abgelöst hat. Nur dieses System bietet jene klanglichen und technischen Möglichkeiten, die heutige Komponisten und Interpretinnen verlangen.
Bei der Eröffnung im Haus Kemnade führte Ralf Kaupenjohann durch die Geschichte des Akkordeons und der Virtuose Marko Kassl spielte zu einigen Entwicklungsstadien des Instrumentenbaus typische Kompositionen für dieses Instrument. Historische und musikalische Ausführungen vereinigten sich unterhaltsam zu einem Tribut an das Instrument des Jahres. Christoph Schlierkamp, der im Haus für die Instrumentensammlung zuständig ist, konnte ein bemerkenswert großes Publikum begrüßen.
Den historischen Ausgangspunkt markiert die Erfindung des „Accordion“ im Jahr 1829 durch Cyrill Demian, dessen Konstruktion erstmals das gleichzeitige Erklingen von Akkorden und Melodie mit vergleichsweise geringem Aufwand erlaubte. Parallel entwickelte Charles Wheatstone in England die Concertina, ein bereits gleichtönig funktionierendes Instrument, das rasch Eingang in das britische Musikleben fand. Während die Concertina früh anspruchsvolle Originalkompositionen hervorbrachte, verbreitete sich das Akkordeon auf dem europäischen Festland zunächst als einfaches Musikspielzeug. Erst im Laufe des 19. Jahrhunderts führten technische Neuerungen – darunter die gleichtönige Spielweise, die chromatische Knopftastatur und das Standardbass-Manual – zur Ausbildung der heute bekannten Instrumentenform. Etliche dieser Neuerungen und regionalen Varianten sind in der Ausstellung zu sehen.
Einen Akzent setzt die Ausstellung auf die frühen, lange wenig beachteten Versuche, das starre Standardbasssystem zu überwinden. Bereits 1911 entwarf Giovanni Gagliardi ein Einzeltonakkordeon für beide Hände, dessen zukunftsweisendes Konzept jedoch zunächst unbeachtet blieb. Zwar entstand in den 1930er-Jahren erste Originalliteratur für das Standardbassakkordeon, etwa durch Hugo Herrmann und Hermann Zilcher, doch erwiesen sich die musikalischen Möglichkeiten dieses Systems bald als begrenzt. Einen Wendepunkt markiert schließlich Hans Brehme mit seinem Werk „Paganiniana“, das erstmals ausdrücklich ein Instrument mit Einzeltonbass verlangte und damit den Weg in die professionelle Konzertmusik ebnete.
Raum nimmt der Einfluss skandinavischer Musiker ein. Besonders der dänische Akkordeonist Mogens Ellegaard prägte die Entwicklung des Einzeltonakkordeons nachhaltig. Durch seine Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Komponisten, seine pädagogische Tätigkeit an nordeuropäischen Musikhochschulen und die Etablierung der Knopftastatur im Diskant trug er entscheidend zur internationalen Anerkennung des Instruments bei. Schallplatteneinspielungen und die Unterstützung namhafter Musikverlage festigten dieses neue professionelle Selbstverständnis über die traditionelle Akkordeonwelt hinaus.
Mehrere private Sammler, nicht zuletzt Kurator Ralf Kaupenjohann selbst, haben zu der Ausstellung in Haus Kemnade Instrumente beigetragen. Kaupenjohann erinnerte besonders an den Sammler Claus Brusch, der seine Instrumente für die Ausstellung zur Verfügung stellte und kurz vor Ausstellungsbeginn nach einem Sturz starb. Die Ausstellungsbesucher‘innen legten ihm zu Ehren eine Gedenkminute ein.
Das Akkordeon ist heute an Musikschulen fest etabliert und hat im Wettbewerb „Jugend musiziert“ das Standardbassakkordeon nahezu vollständig verdrängt. An Musikhochschulen unterrichten international renommierte Konzertkünstler‘innen eine Generation von Studierenden, die technisch wie musikalisch auf höchstem Niveau agieren. In der zeitgenössischen Musik hat das Akkordeon längst seinen Platz im Konzertsaal gefunden und überzeugt als Ausdrucksmittel etwa in kammermusikalischen Besetzungen mit Schlagzeug oder Streichquartett.
Bearbeitungen von Werken für Harmonium oder andere Instrumente mit durchschlagenden Zungen zeigen, wie organisch sich das Akkordeon in historische Klangwelten einfügen kann. Insgesamt macht die Ausstellung deutlich, dass die Geschichte des Akkordeons keineswegs abgeschlossen ist. Vielmehr zeigt sie ein Instrument im fortwährenden Wandel, dessen Weg in der Kunstmusik sich auch in Zukunft weiter entfalten wird.
rvz
Fotos: Marko Kassl demonstriert musikalisch Akkordeon-Geschichte; Ralf Kaupenjohann führt in die Ausstellung ein; Vitrinen der Aussstellung “Instrument des Jahres: Akkordeon” in Haus Kemnade; Christoph Schlierkamp vom Haus Kemnade begrüßt das Publikum; das Wasserschloss am 1. Februar 2026; Fotos: LMR NRW.