Labor der Orchesterkomponisten: Das WDR Sinfonieorchester bot vier Feuertaufen

Komponisten stehen oft vor dem Problem, dass sie ihre Partituren live realisiert erleben möchten, um das Erdachte auf Herz und Nieren zu prüfen. Je größer die Besetzung, desto schwieriger ist ein Testlauf zu realisieren, denn die synthetische Midi-Wiedergabe ist so nützlich wie ein Montagehartschäumer in einer Uhrmacherwerkstatt.

Als WDR, Landesmusikrat NRW und die Musikhochschulen in Köln und in Essen einen Kompositionswettbewerb für Orchesterliteratur ausschrieben und als Preis zwei Probentage und ein Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester ausschrieben, war das Interesse entsprechend groß. Zumal es auch noch eine Aufwandsentschädigung für die Bereitstellung des Orchestermaterials gab.

Dreißig Komponistinnen und Komponisten sandten Werke ein, die eine Fachjury auf Spielbarkeit und ästhetische Qualität prüfte. Sie bestand aus dem Dirigenten Mariano Chiacchiarini, den Orchestermusikern Pierre-Alain Chamot und André Sebald, der Komponistin Brigitta Muntendorf, dem Komponisten  Günter Steinke und dem WDR 3-Redakteur Harry Vogt. Dirigent Mariano Chiacchiarini leitete das Labor, in dem die Musikerinnen und Musiker die ausgewählten vier Werke einstudierten und in regelmäßigen Feedback-Runden Änderungen anregten.

Die vier Werke waren:

  • Nayoung Yuk: Trencadis (2016/18) für Orchester
  • Fabian Zeidler: Sketches (2018) für Orchester
  • Junsun Park: The Door (2018) für Orchester
  • Lars Opfermann: Wandlungen (2018) für Orchester

Martina Seber moderierte das Ergebniskonzert der Komponistenwerkstatt am Abend des 25. November 2018 im Klaus-von-Bismarck-Saal des Kölner Funkhauses. Dirigent Mariano Chiacchiarini berichtete, dass die Komponisten Vorschläge zur Änderung offen aufgegriffen hätten. Nach jeder Probe gab es eine Feedback Runde. Hauptfrage war stets, wo die Notation nicht funktionierte. Einmal votierte er gegen das vorgegebene Tempo, das der Komponist dann auch nach Hin und Her deutlich verlangsamte.

Sehr verschiedenartig fielen die vier Werke aus. Die Mosaiktechnik des Jugendstils aus Spanien prägt Nayoung Yuk’s „Trencadis“, deren Motivbausteine sich zu monumentalen Klanggebilden und motorisch bewegenden Repetitionen addierten. Fabian Zeidlers „Sketches“ enthalten eine Fülle verdeckter Zitate. Debussys „La Mer“ lugt deutlich heraus, doch vieles andere erahnt man eher als dass man es erkennt.

Leichtigkeit und unterschwellige Rhythmen prägen das Stück. Das Orchester demonstrierte auszughaft den Mittelteil, um den Charakter zu verdeutlich, bevor es das Werk als Ganzes spielte. Lars Opfermanns „Wandlungen“ nehmen ihren Titel wörtlich. Aus den Akkorden des Anfangs ergibt sich durch Wandlungen das Thema des Werks. Weitere Wandlungen führen zu Schichten, die einander überlagern. Jede Schicht erlebt Veränderungen und es ergeben sich immer neue Konstruktionen. Junsun Park’s „The Door“ ist ein klingendes Gedicht, ganz darauf angelegt, den Orchestermusikerinnen und –musikern beim Spiel Freude zu bereiten. Die Gestik ist optimistisch, die Bewegungen durch den Tonraum weisen oft nach oben.

Im Gespräch mit Martina Seeber zeigte sich Junsun Park überrascht über die Feedback-Runden nach den einzelnen Proben. Schon bei der ersten hätten ihm Musikerinnen und Musiker das Stück zurück-erklärt, ohne dass er vorher etwas erläutert habe. Der Prozess sei für ihn perfekt gewesen. Fabian Zeidler versuchte, in seinem Stimmen die Musiker zu fordern, aber nicht über Grenzbereiche hinauszugehen. In einigen Instrumentationen nahm er aber doch Änderungen vor. Nayoung Yuk fand es sehr anregend, ihre musikalisch ausformulierte Vision noch einmal mit Worten erklären zu müssen. Auch sie hat etliche Hinweise zur Notation seitens der Musikerinnen und Musiker umgesetzt. Wie viele Änderungen sind denn noch in einem so späten Stadium der Werkentstehung möglich, fragte Martina Seeber im Konzert. Lars Opfermann räumte ein, dass es letztlich um Details gegangen sei. Grundsätzliche Umgestaltungen verbieten sich kurz vor der Generalprobe.

Aus dem Orchester heraus erläuterte der Violinist Pierre Chamot, dass der Nutzen des Projekts durchaus gegenseitig sei. Orchester brauchen Komponisten, die gut schreiben können. Von daher sei das WDR Sinfonieorchester am Dialog interessiert – ein Umstand, den zumindest die Mitveranstalter Landesmusikrat und Musikhochschulen in Köln und in Essen nur begrüßen können.

Es ist nicht leicht, Partner für diese aufwändige Komponistenwerkstatt zu finden. Die ersten beiden Komponistenwerkstätten führte der Landesmusikrat mit dem Gürzenich-Orchester der Stadt Köln und der Hochschule für Musik und Tanz Köln durch, bei der dritten stellte dann der WDR sein Orchester zur Verfügung, zur vierten kam nun auch die Folkwang Universität der Künste Essen hinzu.

Der Anteil des Landesmusikrats NRW an dem gemeinsamen Projekt wurde vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft NRW gefördert. Zuständiger Redakteur war Harry Vogt, seitens der Geschäftsstelle des Landesmusikrats wurde das Projekt von Eva Luise Roth betreut. Das Konzert wird am 22. Januar 2019, 20.04-22.00 Uhr, von WDR 3 gesendet werden.

rvz

Fotos: Das WDR Sinfonieorchester mit (von links) Fabian Zeidler, Junsun Park, Lars Opfermann, Moderatorin Martina Seeber, Nayoung Yuk sowie Dirigent Mariano Chiacchiarini im Großen Sendesaal des Funkhauses Köln. Fotos: LMR NRW.

 

 

Zurück