"Am farbigen Abglanz": Orchestertreffen in Essen

Musikerinnen und Musiker aus 72 Laienorchestern trafen sich am 21. und 22. Mai in Essen zum Orchestertreffen des Landesverbands der Liebhaberorchester NRW. Es war das zweite Treffen dieser Art, das der Verband ausrichtet, und wieder zielte es nicht nur auf Begegnung und Austausch, sondern auch auf eine groß angelegte Uraufführung. "Am farbigen Abglanz" von Yasutaki Inamori stand auf dem Arbeitsplan. Einen guten Teil der Folkwang Musikschule und die Weststadthale in Essen nahmen die Musiker unter Beschlag und teilten sich in drei Workshops auf. Der größtbesetzte galt Inamoris Werk.

In guter Avantgarde-Tradition hat Inamori für drei Orchestergruppen komponiert. Zuvor hatte er schon ein Werk für vier Gruppen geschrieben, wie er Moderatorin Karen Voß erklärte, und die Zahl 3 bewusst vermieden, um nicht als Kopie von Karlheinz Stockhausen angesehen zu werden. Doch als der Verband nach dreien fragte, konnte er nicht Nein sagen, zumal die Kunststiftung NRW den Kompositionsauftrag finanzierte. So türmen sich nun in der großformatigen Partitur drei mächtige Akkoladen übereinander und fordern den Überblick der Dirigentin - eine Herausforderung, der sich Cecilia Castagneto in bemerkenswerter Weise gewachsen zeigte. Bei der Einstudierung der Gruppen hatten ihr Han Gyul Song und Lautaro Mura zur Seite gestanden, beide Studierende der Robert-Schumann-Hochschule für Musik Düsseldorf. Zur Probenarbeit in diesen Gruppen bekannte Orchestermusiker Andreas Post der Moderatorin, dass dies die eigentliche Arbeit der Musiker gewesen sei. Es sei dann leichter und faszinierend gewesen, das Werk in den Hauptproben zusammenzufügen.

"Am farbigen Abglanz" besteht aus drei Sätzen in der klassischen Abfolge langsam-schnell-langsam und fokussiert jeden Satz auf ein Element traditionellen Komponierens: Der erste Satz beschäftigt sich mit Rhythmik, der zweite mit Harmonien, indem er lang gehalte Orchesterakkorde durch Binnenverschiebungen moduliert und dabei an Ligeti zu gemahnen scheint, der dritte mit Melodien, die über einem burlesken Marsch ertönen. Das Publikum in der Weststadthalle nahm das Werk, seinen Komponisten und seine Interpretation mit Begeisterung auf.

Ein zweiter Workshop beschäftigte sich mit den Harmoniemusiken der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert. Dozent André Sebald erläuterte, dass diese Arrangements für Bläser schlicht der weiten Verbreitung eines Werks dienten, das so in Freiluftkonzerten ebenso wie in Wirtshäusern gespielt werden konnte - eine Aufgabe, die später durch Tonträger überflüssig wurde. Gürzenichmusiker Rainer Schottstädt schrieb dem 19-köpfigen Projekt-Ensemble des Orchestertreffens ein Bläser-Arrangement von Mozarts "Don Giovanni" auf den Leib, und die Gruppe brachte es mit warmen Klangfarben in der Weststadthalle zu Gehör. Und stellte diesem mit munterer Gestik sogleich einen anderen "Oldie" zur Seite, Scott Joplins Ragtime "The Entertainer".

"Wir müssen die Sprache der Alten Musik neu erlernen," forderte Dozent Christoph Mayer von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des dritten Workshops. Die Interpretation barocker Musik fordert einen nicht immer gewohnten Umgang mit dem Notentext: "Wir sind leicht versucht, mit der Ausbildung, die wir heute haben, auf die Musikgeschichte herunterzuschauen. Doch wir müssen die Ausführung dieser Noten neu lernen." Das bezog er zumal auf französische Rafinesse und Attitüde von barocker Musik, die man beherrschen müsse. Deshalb nahm Mayer Molières und Jean-Baptiste Lullys "Le bourgeois gentilhomme" und Purcells "Hornpipe" aus "The Fairy Queen" ins Repertoire. Er vollzog zudem eine Annäherung an Johann Sebastian Bachs "Air" aus der dritten Orchestersuite.

Mayer ließ sein Ensemble den ersten Teil des "Air" mehrfach wiederholen. Zunächst spielte nur der Cembalist die Harmonienfolge, dann wiederholten diese die Streicher. Im dritten Durchgang ergänzte der Kontrabassist die stufenweise fallende Linie, dann die anderen Streicher die Zwischentöne zwischen den Hauptharmonien. Mayer erläuterte, dass zu vielen Werken jener Zeit diese Auszierungen nicht notiert wurden. Bachs "Air" stelle ein hervorragendes Beispiel einer "written improvisation" dar.
Workhopteilnehmerin Annette Lukas-Sinn mochte besonders einen Flamenco, mit dem Mayer Ausführungsvarianten von notiertem Rhythmus vermittelte. "Man kann im Ensemble notierte Stellen gleichzeitig unterschiedlich ausführen und es ist nicht falsch, sondern es klingt interessant," war ihre Haupterkenntnis aus der Arbeit.

Mayer war es auch, der zum Schluss der Veranstaltung einen großen Dank aussprach, an Katharina Weidmann vom Verband der Liebhaberorchester NRW, die das Treffen bis ins letzte betreuende Detail hinein organisiert hat, an die Dozentenkollegen und Dirigentin Cecilia Castagnetto und besonders auch an Soeren Klitzing und ein Team der Robert-Schumann-Hochschule für Musik Düsseldorf, das mit professionellem Aufwand das Abschlusskonzert in Bild und Ton festhielt. Auf den Film darf man gespannt sein.

Das Orchestertreffen wurde vom Landesmusikrat NRW und vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport gefördert.

rvz

Fotos: Projektorchester bei einer Probe von Inamoris "Am farbigen Abglanz"; Cecilia Castagneto mit der Partitur von Inamoris am 22. Mai 2016 in der Weststadthalle Essen; die Dozenten Lautaro Mura und Christoph Mayer in der Probenarbeit; Foto 2: LMR NRW, Fotos 1, 3, 4: Soeren Klitzing.

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