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Fachtagung "Musikalische Bildung und Inklusion"

11.09.17

Der Landesmusikrat NRW und die Landesmusikakademie NRW hatten in das Haupthaus der Akademie nach Heek eingeladen, um zu bilanzieren, inwieweit  das Recht auf Inklusion zum Prinzip gemeinsamer musikalischer Arbeit geworden ist und was noch getan werden muss. Sechs Referenten boten zwei Vorträge, elf Workshops und eine Podiumsdiskussion in der Tagung "Musikalische Bildung und Inklusion" an. Prof. Dr Irmgard Merkt (Universität Dortmund), Prof. Dr. Juliane Gerland (Universität Siegen), Dr. Daniela Laufer (Hochschule für Musik und Tanz Köln), Claudia Schmidt (Musikschule Bochum und Universität Dortmund), Prof. Dr. Daniel Mark Eberhard (Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt) und Michael Schuhmacher (Musikhochschule Mainz) führten in ihren Workshops weniger auf eine Metaebene als mitten in die Praxis der musikalischen Arbeit mit Menschen, die einen besonderen Förderbedarf haben.

Die Zielgruppe der Tagung ist groß und die Veranstalter begrüßten es, dass neben Berufspädagoginnen und -pädagogen auch Aktive aus Musikvereinen und Chören kamen - vom Chorverband NRW dessen Präsidentin Regina van Dinther, vom Volksmusikerbund NRW dessen Präsident Paul Schulte, aus den Reihen der Berufspädagogen seitens des Vorstands des Landesverbands der Musikschulen in NRW Eva Dämmer.

Das inklusive Ensemble von Claudia Schmidt "piano plus" gab der Tagung  von Beginn an einen besonderen Drive. Herzerfrischend jammten sie Pop-Arrangements, die von einer Brasilienreise des Ensembles hörbar beeinflusst waren. Das staunende Publikum hatte später die Gelegenheit, in zwei Workshops von Claudia Schmidt zu erleben, mit welcher Probenmethodik sie zu diesen Ergebnissen gelangt.

Antje Valentin und Robert v. Zahn begrüßten die Tagungsteilnehmer und betonten, wie sehr es darauf ankomme, von grundsätzlichen Tagungsergebnissen aus auch in die Umsetzung zu gelangen. Juliane Gerland zeigte im Eröffnungsvortrag "Ausgerechnet Musik?! Zum besonderen Potenzial von Musik für inklusive Prozesse", dass sowohl auf theoretischer Ebene als auch in der Umsetzung viele Erwartungen und Begrifflichkeiten aneinander vorbeilaufen.

Immerhin ist allen Ansätzen gemeinsam, dass sie die Lebensqualität von benachteiligten Gruppen so anheben wollen, dass eine Art Gleichheit in der Gesellschaft erreicht wird. Doch die konkreten Erwartungen hängen von den verschiedenen Perspektiven ab und die Umsetzung holpert spätestens dann, wenn verschiedene Arten von Benachteiligungen sich überlagern und die Aktiven nicht mehr sicher ausmachen können, woran sie eigentlich arbeiten. Im Workshop von Daniel Mark Eberhard beschrieb eine Teilnehmerin, wie ihre pädagogischen Konzepte ihre vermeintliche Differenziertheit verlieren, wenn in einer Gruppe zwei Jugendliche mit einem vertrauten Förderbedarf sitzen, zwei mit geringem Bedarf und vier Flüchtlinge, die voll handlungsfähig, aber ohne jede Kenntnis der deutschen Sprache sind.

Wie es konkret an der Basis der musikalischen Arbeit funktionieren kann, das beschrieben die elf Workshops hautnah. Wie müssen Liedblätter aussehen, wollen sie keine hohen Hürden aufstellen? Brauchen wir Noten und welche alternativen, verständlicheren Verschriftlichungen von Melodien gibt es? (Laufer, Eberhard) Welche Gruppenspiele mit Musik haben nachhaltige Effekte? (Gerland) Wie gestalte ich chorisches Singen, ohne Benachteiligte zu verlieren? (Merkt) - das waren nur ganz wenige aus dem Füllhorn an Fragen, die behandelt wurden. Auch evaluierende Ergebnisse wurden präsentiert, etwa zu den Gelingensbedingungen der inklusiven Arbeit mit Bläserklassen. (Schuhmacher)

Ein grundsätzliches Dilemma sah Juliane Gerland auf der Ebene der Projektleitung bzw. Träger der einschlägigen Einrichtungen. Einerseits wollen sie die Menschen, mit denen sie arbeiten, nicht als Benachteiligte etikettieren, um einen würdevollen und partizipativen Unterricht zu ermöglichen, andererseits reichen die Ressourcen der Arbeit oft hinten und vorne nicht, und um die notwendigen Mittel zu erlangen, erfordert der Legitimationsdruck gerade das Etikett der Benachteiligung und des besonderen Förderbedarfs.

In einem Vortrag bahnte Irmgard Merkt einen Weg zum Ideal des grundsätzlichen Gelingens von Inklusion. Sie beschrieb, wie entsprechende UNESCO-Konventionen auf die Ebenen von Staaten, Ländern, Regionen und Kommunen heruntergebrochen werden und wie grundsätzliche Übereinkünfte am Boden gleichzeitig nach oben wirken könnten. Und welch wichtige Rolle gerade dabei gemeinsames Musizieren spielen kann. In dieser doppelten Bewegung zur gesellschaftlichen Übereinkunft würde auch das Gerlandsche Dilemma aufgelöst.

Robert v. Zahn versuchte in der Schlussdiskussion, den sechs Referentinnen und Referenten zu entlocken, inwieweit sie selbst an die Erreichbarkeit dieses Ziels glauben. Bemerkenswert positiv waren fast alle der Antworten, gemischt mit einem gewissen Maß an Skepsis, die den Besuchern der gelungenen Tagung den Mut nicht nahm.

Die Tagung des Landesmusikrats NRW in Kooperation mit der Landesmusikakademie NRW wurde vom Ministerium für Kultur und Wissenschaft gefördert. Ein ausführlicher Bericht wird demnächst hier zum Download angeboten.

rvz

Fotos: Das Ensemble "Piano plus" von Claudia Schmidt am 9. September 2017 im Konzertsaal der Landesmusikakademie NRW; Claudia Schmidt, Michael Schuhmacher, Prof. Dr. Daniel Mark Eberhard, Dr. Daniela Laufer, Prof. Dr. Irmgard Merkt, Prof. Dr. Juliane Gerland und Antje Valentin, vorne Regina van Dinther und Paul Schulte; Vortragende Juliane Gerland und Irmgard Merkt; Fotos: LMR NRW.