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„Musikkulturen und Musikszenen – Musizieren in unterschiedlichen Kulturen NRWs“

19.04.16

Brückenklang: Erste Fortbildung zu Musikkulturen in Dortmund

Eine sehr bunte Mischung an Teilnehmenden fand am 16. April im Orchesterzentrum Dortmund zusammen, um sich einen Tag lang über die Bedeutung der Musik in unterschiedlichen Musikkulturen NRWs auszutauschen. Vertreter aus Migrantenorganisationen, musikinteressierte Ehrenamtliche aus der Flüchtlingshilfe, Musiker und Musikinteressierte aus Ghana, Kamerun, der Türkei und Südindien sowie nordrhein-westfälische Vertreter von Chorverband, Volksmusikerbund und Verband der Liebhaberorchester kamen bereits in der ersten Pause kreuz und quer in angeregte Gespräche.

Die Erziehungswissenschaftlerin und Interkulturelle Trainerin Nuray Ateş führte durch den Tag, der in einem Wechsel von Übungen, Vortrag und Austausch gegliedert war. Eine anfängliche Übung verblüffte viele Teilnehmende, da durch ein Rollenspiel, das die sogenannte Albatros-Kultur vorführte, stark an Vorurteilen und eingefahrenen Blickwinkeln gerührt wurde. Wahrzunehmen, ohne sofort zu bewerten, war die Erkenntnis, die daraus erwuchs. Nuray Ateş betonte, dass die Abfolge Beobachten – Beschreiben – Bewerten maßgeblich sei, um nicht gleich von vornherein mit vorgezogenen Einschätzungen, die zu Vorurteilen werden können, Schiffbruch zu erleiden.

Neugier als höchste Motivation des Menschen für Entwicklung ist eine unabdingbare Voraussetzung, um das Fremde zu erfahren und zu erforschen. Es entspann sich eine angeregte Diskussion um die Aussage, dass Sprache Macht sei und jemand ohne Verständnis der Sprache des Landes quasi ohnmächtig ist. Andererseits kann schon auf nonverbaler Wahrnehmungsebene eine Kommunikation passieren, die eine Beziehungsebene schafft – ganz ohne Sprache.

In ihrem Vortrag bezog sich Nuray Ateş auf die Laienmusik in Deutschland, die mit 14 Millionen Aktiven zur größten zivilgesellschaftlichen Bewegung in der Bundesrepublik gehört und führte in verschiedene Kulturkonzepte ein. Welches Kulturkonzept – eher intellektuell-ästhetisch oder materiell oder anthropologisch – verwendet wird, führt zu einem jeweils anderen Kulturverständnis, das auch für den Umgang mit der Musik anderer Kulturen maßgeblich ist.

Die Migrantenmilieustudie konnte nur kurz erwähnt werden, da sich immer wieder wertvolle Diskussionen um einzelne Aspekte entwickelten. Welche Musiktradition haben wir in Deutschland? Kann man von einer deutschen Musiktradition allgemein sprechen oder ist es eher eine der Regionen? Wir meinen, kulturelle Identitäten anderer Völker wahrzunehmen, wie sieht unsere aus? Interessanterweise führten die Diskussionen mit den Teilnehmenden aus anderen Kulturen dazu, dass auch die Selbstwahrnehmung der Deutschstämmigen in der Runde thematisiert wurde.

Nach einer Mittagspause voller Gespräche gab es die Gelegenheit, Einblicke in afrikanische und südindische Musikkulturen zu nehmen. Die afrikanischen Teilnehmer verblüfften mit der Feststellung, dass es in Afrika eigentlich keine professionellen Musiker gäbe, aber Musik selbstverständlich für jeden zum Alltag gehört. Williams Atweri stellte ein ghanaisches Lied vor, zu dem immer auch getanzt wird und das jedermann in Ghana kennt. Anushaant Nainaivijayan vom Tamilischen Kultur- und Wohlfahrtsverein Essen e.V. erzählte mit seinen Freunden über Grundzüge der südindischen Musik, Piriyanthy Kiritharan sang ein tamilisches Lied. Die Vorstellungen führten zu zahlreichen Fragen der anderen Teilnehmenden, das Interesse, mehr über die konkreten Traditionen, Tonleitern, Musikstile, Musiziergelegenheiten und vieles andere zu erfahren, konnte in der zur Verfügung stehenden Zeit nicht gestillt werden.

Das führte zu der Verabredung, sich miteinander zu vernetzen und auch die Institutionen, die sämtliche Teilnehmenden vertreten, miteinander in Kontakt zu bringen. Ein schöner Erfolg des Tages, der von der Brückenklang-Referentin beim Landesmusikrat NRW, Anne Tüshaus, hervorragend organisiert worden war.

Brückenklang wird vom Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport gefördert und ist ein Kooperationsprojekt  des Landesmusikrats NRW mit der Landesmusikakademie NRW, dem Landesverband der Musikschulen in NRW, dem NRW-Kultursekretariat und weiteren Partnern.

Antje Valentin

Fotos: Eindrücke vom Workshop „Musikkulturen und Musikszenen – Musizieren in unterschiedlichen Kulturen NRWs“ am 16.04.16 im Orchesterzentrum Dortmund. Die Leitung hatte die Interkulturelle Trainerin Nuray Ateş. Fotos: Antje Valentin