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Brückenklang in der Zentrale für Freiraum und Subkultur Bonn

23.01.17

Das jüngste Begegnungsforum des Programms „Brückenklang“ galt interkulturellen Erscheinungsformen des aktuellen Musikgeschehens. Kooperations- und organisierender Partner des Landesmusikrats war die Zentrale für Freiraum und Subkultur in Bonn. Ihre Leiter Lukas Hess und Elvin Ruic setzen sich seit einer Bonner Kulturdemonstration von 2014 für die Förderung und Ausweitung von Kultur und Subkultur in Bonn ein. Beheimatet ist die Initiative in der Kunstbrennerei in der Nordstraße, die nun auch zum Ort des Begegnungsforums wurde. Zusammen mit Anika Mittendorf und Robert von Zahn eröffneten die beiden Leiter der Zentrale die Veranstaltung, die vier Vorträge, eine musikalische Performance und reichlich Pausen mit mediterranen Speisen bot.

Nuray Ates-Ünal führte ins Wesen der interkulturellen Arbeit ein. Sie problematisierte die Begriffe Kulturelle Vielfalt und Identitätsentwicklung und stellte die Migrantenmilieustudie von 2015 "Große Vielfalt - weniger Chancen" vor. (Heiner Barz u.a., Link s.u.) Die Studie definiert acht verschiedene Migrantenmilieus. Groß sind die Unterschiede zur Milieuskala von Menschen ohne Migrationshintergrund nicht. Doch in eingewanderten Familien ist die Rollenzuweisung an Familienmitglieder oft stärker und zum Nachteil Einzelner ausgeprägt. Mit Rollenspielen können Pädagogen stereotypes Rollenverhalten bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen überwinden.

Darius Roncoszek skizzierte Musikformen von Migranten in Deutschland seit 1955. Gemäß der Studie von Martin Greve („Die imaginäre Musik der Türkei“) unterschied er vier Phasen der Migration: Die erste währte von 1955 bis 1973, die Zeit der Anwerbeabkommen, eine Hoch-Zeit der Musikformen der Herkunftskulturen. Die zweite datierte Roncoszek bis 1980, in der es überwiegend Familienzusammenführungen und weniger einen Gastarbeiterzuzug gab. Diese Phase erlebte überwiegend Popularmusikausformungen der Herkunftskulturen. Die dritte Phase bis 1990 war geprägt von politischen Flüchtlingen, etwa aus Chile und aus der Türkei mit politischen Liedern, und von jungen Musikern der zweiten Gastarbeitergeneration mit sozialpolitischen Texten über ihre Situation. Viele professionelle Musiker wanderten in dieser Zeit ein und es entstand eine rege Weltmusikszene. Kommunen engagierten sich in der Förderung dieser Kultur und veranstalteten bzw. förderten Weltmusikfeste, auch in der Form von Stadtteilfestivals. Die vierte Phase brachte künstlerische Weiterentwicklungen von Mischformen, Hiphop-Klagen über persönliche Situationen und neue Clubmusik mit Vermischung von ethnischen Klängen und Clubbingsounds. An einigen Entwicklungen der Clubmusik hat Roncoszek selbst Anteil.

Im Begegnungsforum war es nun Zeit für Musik: BonnIndo besteht aus überwiegend indonesischen Musikern, die im Bonner Raum leben und den populären Stil Dangdut aus Indonesien mit südamerikanischen und europäischen Stilistika bereichert haben. Auch eine einheimische Flötistin und ein hiesiger Schlagzeuger ist dabei. Ihre tänzerische Performance riss das Publikum binnen kurzem mit. Die Musik überschritt die angesetzte relativ kurze Dauer zwischen den Vorträgen weit und als die Band abtreten wollten, klatschten die Besucher Zugaben herbei.

Doris Bischler, Leiterin der Musikschule Bonn, stellte die Leitlinien des Integrationskonzepts der Stadt Bonn vor und leitete daraus die Ziele der Musikschularbeit ab. Wichtig ist ihr das Gewinnen von Eltern mit Migrationshintergrund für die Elternvertretung in der Musikschule. In Bonn hat der weit überwiegende Teil der Kinder und Jugendlichen Migrationshintergrund. Geige, Gitarre und Klavier sind auch bei ihnen Wunschinstrumente Nummer 1. Die Musikschule bot auch Baglamakurse an, aber sie wurden wenig nachgefragt und bald eingestellt.

Zwei Integrationsprojekte ermöglichte das Bundesförderprogramm „Kultur macht stark“. 15 bis 20 Kinder in Vorbereitungsklassen nahmen auf freiwilliger Basis an den Projekten teil, sangen Popsongs und rappten eigene Texte. Die Freiwilligkeit der Projekte brachte allerdings eine erhebliche Fluktuation mit sich. In einem zweiten Projekt in Dransdorf sangen geflüchtete Grundschulkinder an OGS-Nachmittagen mit Lehrerinnen der Musikschule. Dazu kommen Jekits-Projekte der Musikschule in 15 Bonner Grundschulen, in denen es einen überdurchschnittlich weiten Migrationshintergrund gibt. Auch richtet die Musikschule ein inklusives Projekt in Bonn-Tannenbusch aus, Projekte in der Flüchtlingsunterkunft Paulusheim bieten das Basteln von Alltagsinstrumenten Kindern und Müttern an, und im Flüchtlingsheim Riemenschneiderstraße lernen Kinder auf Blockflöten zu spielen.

Den abschließenden Vortrag hielt Philip Gondecki, Geschäftsführer des Migrapolis House of Ressources in Bonn. Es unterstützt Migrantenorganisationen, interkulturelle Initiativen und Gruppen, die sich für eine vielfältige Gesellschaft engagieren wollen, und bietet Beratung, Rechtshilfe, Technikausleihe und Fördermittel an. Von Mikroprojekten bis zum Förderbedarf von 5.000 Euro kann Migrapolis helfen. Die Antragstellung ist ganzjährig möglich, es gibt keine Fristen. Die Band BonnIndo zum Beispiel wurde beraten und gefördert, später auch zu einem Indonesischen Kulturabend im Haus eingeladen.

Im Fazit freuten sich die Veranstalter über die vielen Begegnungen und Gespräche, die während der Pausen zu beobachten waren. Die Kooperation zwischen Landesmusikrat und der Zentrale für Freiraum und Subkultur wird sicher fortgesetzt werden.

rvz

Fotos: Brückenklang-Konzert des Bonn/indonesischen Ensembles BonnIndo in der Zentrale für Freiraum und Subkultur Bonn; Darius Roncoszek; Nuray Ates-Ünal; Fotos: LMR NRW.

Link zur Migrantenmilieustudie 2015:
https://www.stiftung-mercator.de/media/downloads/3_Publikationen/Barz_Heiner_et_al_Grosse_Vielfalt_weniger_Chancen_Abschlusspublikation.pdf